Bayon bis Géraudot – Ein Land im Sommerschlaf

Unser Tagesziel ist Géraudot. Das liegt mitten in einem Naturpark mit Seen und Wäldern - und laut unserer Recherche tanzt dort der Urlaubsbär. Oder doch nicht?

Unser heutiges Ziel ist das knapp 185 km entfernt liegende Géraudot – Kilometer, die über gerade Straßen in einer Ebene führen …  wahrscheinlich sind wir noch vor dem Mittagessen dort.

Als uns das am Morgen (bei einem äußerst kargen Frühstück) bewusst wird, stört uns das nicht. Die Strecke wird sowieso nicht allzu aufregend sein – fahrtechnisch – es ist also nicht schlimm, wenn sie kurz ist. Das Wetter ist herrlich und der ausgesuchte Campingplatz liegt direkt an einem Badesee, mitten im Parc naturel régional de la Forêt d’Orient, einem wunderschönen Gebiet mit riesigen Seen, urtümlichen Wäldern und unendlich vielen Freizeitmöglichkeiten. Daheim, am Computer, klang das nach einem aufregenden Ziel. Wir sind sicher, an diesem wundervollen Ort wenigstens ein Teil der urlaubenden Franzosen anzutreffen – ebenso wie bestimmt unzählige (geöffnete) Restaurants mit hervorragendem französischen Essen. Es schadet also nicht, frühzeitig dort anzukommen, um diese tolle Infrastruktur ausgiebig genießen zu können.

Und wir düsen, düsen …

Voller Vorfreude packen wir unsere Sachen und fahren los. Während der ersten Stunde finden wir die Landschaft richtig entzückend: nette französische Felder, romantisch anmutende französische Feldwege und ein paar (ausgestorbene) französische Dörfchen.

Allerdings ändert sich daran in der nächsten Stunde nicht das Geringste – und spätestens nach dem fünften kleinen (menschenleeren) Dörfchen macht sich die Langeweile in uns breit. Auf geraden Straßen dahindüsen und stundenlang immer das Gleiche sehen? Hm. Bei mir kommt noch ein zunehmend knurrender Magen hinzu, hatte ich beim Frühstück auf dem Campingplatz doch auf ein am Wegrand befindliches typisch französisches Café mit frischen Croissants gehofft. Vergeblich. Nicht einmal einen geöffneten Laden – und sei er noch so klein – können wir erspähen.

Aber uns bleibt ja immer noch unser Ziel. Nachdem sich auch in der dritten Stunde keine großen Veränderungen in der Strukur und Bevölkerungsdichte der Landschaft ergeben haben, sind wir froh, endlich den Rand des Forêt d’Orient zu erreichen. Was wir daran erkennen, dass sofort alles noch verlassener ist …

Die Dörfer, die wir durchfahren, bestehen aus einer Ansammlung von ungefähr zwanzig unbewohnt wirkenden Häusern. An möglicherweise vorhandenen Läden oder Restaurants navigieren wir offensichtlich geschickt vorbei, denn wir entdecken keine derartigen Gebäude. Normalerweise bevorzugen wir ja eher einsamere Gegenden und meiden allzu große Menschenansammlungen – aber inzwischen sehnen wir uns geradezu nach Trubel und vielen anderen Leuten.

Unter Menschen

Der Camping Les Rives du Lac macht einen guten Eindruck. Die Rezeption ist mit mehr als nur einer Person besetzt, die jungen Damen sprechen Englisch und bei einem schnellen Rundblick entdecke ich freudig einen Laden sowie ein kleines Campingplatzrestaurant (das zwar jetzt – im August – nur eine sehr eingeschränkte Karte mit Hot Dogs und Pommes anbietet und im Moment auch geschlossen hat, aber immerhin).

Wir dürfen uns selbst einen Stellplatz für unser Zelt wählen. Nach kurzem Suchen auf dem ungefähr zur Hälfte gefüllten Campingplatz lassen wir uns an einem schönen, schattigen Eck nieder. Mein Hunger ist mittlerweile unerträglich, ich husche schnell unter die Dusche und dränge anschließend darauf, den Badestrand zu erkunden.

Gleich an der Straße entdecken wir das „La Pizza du Lac“, welches Pizza, Gegrilltes, Überbackenes und Salate anbietet. Leider hat es gerade zu – schließlich haben wir jetzt Mittag, wer sollte da auch etwas essen wollen – wir suchen also weiter. Nicht weit dahinter finden wir eine Imbissbude und stillen unseren Hunger mit Pommes, Kotelett vom Grill und einem Burger in der Semmel. Nicht sehr französisch, aber es schmeckt und macht satt.

Den Nachmittag verbringen wir am nur mäßig gefüllten Strand. Wir liegen in der Sonne, baden und lesen. Das ist sehr hübsch, wir genießen die angenehme Umgebung und sind zufrieden.

Allerdings sind wir beide nicht so der Baden-und-Sonnen-Typ. Für einen Tag, so wie heute, ist das OK und macht auch Spaß. Aber dann ist es auch wieder genug, denn eigentlich wollen wir Motorrad fahren. Und zwar, wenn möglich, auf abwechslungsreichen Straßen durch abwechslungsreiche Gebiete. Falls das nicht geboten wird, so haben wir auch an kulturellen Angeboten oder einfachen touristischen Unternehmungen Spaß. Doch im August scheint abseits der Küstenregionen der Großteil dieser Möglichkeiten geschlossen zu sein – Pech für uns. Am späteren Nachmittag verziehen wir uns an einen schattigen Platz, schauen auf die Landkarte und überlegen, was wir grundsätzlich tun sollen.

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Unsere eigene Schuld

Wir möchten an dieser Stelle darauf hinweisen, dass es ganz allein unsere Schuld ist, wenn dieser Motorrad-Urlaub nicht so läuft wie erhofft. Wir haben die falsche Reisezeit gewählt, die falschen Strecken ausgesucht, nicht genügend Alternativen recherchiert und letztendlich wohl auch zu früh aufgegeben. Der Einsatz von Google-Street-View während der Planung hätte uns sicherlich auch vor so manchem Irrtum bewahrt.

Frankreich ist eigentlich ein tolles Land, das weiß ich von früheren Reisen hierher. Man muss nur über die richtigen Straßen in die richtigen Gebiete zur richtigen Zeit fahren 🙂

Der Gedanke, dass ein Großteil des noch vor uns liegenden Urlaubes ähnlich der letzten beiden Tage ablaufen wird, behagt uns gar nicht. Noch ein paar Tage durch flache, menschenleere Gebiete fahren, viel zu viele geschlossene Türen vorfinden und die meisten Unternehmungen im „Sommerschlaf“? Sicher, Disneyland und Paris sind bestimmt ganz spannend – doch das kann man auch mal an einem Wochenende per Flugreise besuchen. Schlösser, Museen oder ähnliches wären auch interessant – aber darauf haben wir uns nicht vorbereitet, wissen also auch nicht, wo wir sie finden sollen. Zum ersten Mal fällt der Begriff „Richtungsänderung“. Doch so ganz sicher sind wir uns noch nicht.

Das sind wir erst nach unserem Abendessen im „La Pizza du Lac“. Marvin beteuert zwar, dass seine Pizza gut sei, aber mein Kartoffelgratin ist ein schlechter Witz: vorgekochte und nach Kühlschrank schmeckende Kartoffeln mit fadem Käse überbacken, der beim Servieren bereits wieder hart wird, die Salatbeilage besteht aus lapprigem grünen Salat mit keinem wahrnehmbaren Dressing. Bäh! Wenn nicht einmal das Essen gut ist, was sollen wir dann noch hier?

Es steht also nun fest: Morgen fahren wir nicht mehr weiter nach Westen, sondern biegen ab Richtung Süden. Wer weiß, vielleicht fahren wir ja noch in die Schweiz? Da wollten wir schließlich schon letztes Jahr hin, aber eine Hitzewelle hat uns damals davon abgehalten. Momentan ist es zwar auch sehr heiß, aber eine Abkühlung ist in Aussicht. Also: Planänderung!

Routenübersicht

Datum: 22. August 2012
Schwierigkeitsgrad: simpel
Länge: 185 km (Autobahn meiden), ca. 2,5 h
Eindrücke: flache, weitläufige Landschaft, reizvoll, aber wenig Abwechslung