Die Vogesen – Ups, sind sie schon vorbei?

Col de la Schlucht - was für ein epischer Name! In der Realität erweist sich diese Strecke jedoch als nicht ganz so gewaltig.

Heute wollen wir quer über die Vogesen und wählen hierfür den Col de la Schlucht. Einerseits, weil diese Passstraße mit 1135 m ü.M. zu den höchsten in den Vogesen zählt (die höchste, der Col du Hahnenbrunnen – ich sag jetzt mal nichts zu dem Namen -, hat nur knapp 50 Höhenmeter mehr), andererseits, weil unsere ebenfalls motorraderfahrene Münchner Nachbarin Petra uns die großartigen Flammkuchen im Passrestaurant ans Herz gelegt hat. Zwei schlagkräftige Argumente, wie wir finden. Überhaupt freue ich mich auf das Essen in Frankreich, habe ich doch von lange zurückliegenden Reisen sehr gute Erinnerungen daran.

Über den Rhein nach Colmar

Wir sind in den letzten Jahren ausschließlich in den Alpen unterwegs gewesen und stellen uns die Vogesen irgendwie ähnlich vor. Vielleicht nicht ganz so kolossal, mehr hügelig als gebirgig, aber doch bestimmt anspruchsvoll zu fahren und entsprechend zeitaufwändig. Aus diesem Grund wollen wir heute zeitig loskommen und sitzen als eine der ersten Gäste im Frühstücksraum unseres Hotels. Ich kriege so früh am Tag nicht viel runter, daher begnüge ich mich mit einem Ei und einer Semmel. Mittags wird der Hunger zwar so richtig zuschlagen, doch dann befinden wir uns hoffentlich schon in Reichweite des berühmten Flammkuchens.

Nicht lange danach sitzen wir im Sattel und genießen bei ausgezeichnetem Wetter den Rest des Schwarzwaldes. Diese Ecke hier ist wirklich nett zum Motorradfahren, denke ich mir erneut. Eine wildromantische Umgebung, schmale Straßen in angenehmer Kurvigkeit und wenig Verkehr. Nur in der Gegend um den Titisee macht sich der Tourismus bemerkbar und das kleine Sträßchen von eben mutiert zur breiten Schnellstraße mit vielen Autos. Abseits dieser Haupturlaubsorte ist der Schwarzwald jedoch für Motorradfahrer unbedingt empfehlenswert!

Schnell und ohne Langeweile erreichen wir Freiburg und überqueren kurz danach bei Breisach den Rhein. Hier befindet sich auch die Landesgrenze, bis auf ein paar Schilder und einer vorübergehenden Geschwindigkeitsbegrenzung merken wir aber nichts davon.

Nach der Grenze ist die Straße gerade, flach und voller Autos – und glücklicherweise kurz, so dass wir schnell das mittelalterlich-hübsche Colmar erreichen. Unsere Freundin Petra hat uns hier ebenfalls einen Besuch des Stadtkerns nahegelegt, aber es ist bereits Mittag und wir wollen noch quer über die Vogesen (und zwischendrin Flammkuchen essen), also durchfahren wir das Städtchen nur, ohne groß anzuhalten.


Hinter Colmar bleibt es erstaunlich lange weiterhin eher flach. Marvin und ich folgen dem Verlauf der D417 (der Route de la Schlucht) und fragen uns, wann denn nun endlich die Vogesen beginnen. Laut Karte sind wir doch schon mittendrin im Parc Naturel Régional des Ballons des Vosges, aber diese zwar malerischen, aber ansonsten eher unspektakulären Hügelchen können doch noch nicht alles gewesen sein, oder?

Doch, können sie! Unsere von zig Alpenüberquerungen geprägte Vorstellung ist hier total fehl am Platz, wie sich herausstellt. Die Vogesen sind ein völlig andersartig geformtes Gebiet, und wer nicht genauso enttäuscht sein möchte, wie wir es schließlich sind, sollte sich dessen vorher bewusst sein. Ohne solche falschen Annahmen kann man dieses auf seine Art wunderschöne Gebiet bestimmt ausreichend würdigen und genießen.

Wir jedoch sind frustriert. Und als es bei Stosswihr endlich ein bisschen nach oben geht (so, dass wir es auch wirklich merken), wir aber nur wenige Minuten später bereits am höchsten Punkt, eben jenem Col de la Schlucht, angekommen sind, sind wir in ziemlicher Lästerlaune. Das Micker-Ding hier nennt sich Pass? Da könnte man ja alle Hügel in Bayern als Berg und die Straßen dazwischen als Passstraßen bezeichnen. Kein Wunder, dass es in den Vogesen so viele Pässe gibt …

Nicht sehr fair, ich weiß. Das vielgelobte Passrestaurant schlägt zu allem Überfluss noch weiter in diese Kerbe. Anscheinend hat es sich vom ehemaligen Geheimtipp (der Besuch von Petra liegt nun doch schon viele Jahre zurück) zum Touristenmagneten entwickelt, denn der Parkplatz ist voll und das Innere des Gasthauses ebenso. Das stark geforderte Personal ist tendenziell unfreundlich und wir wären hier wohl nicht eingekehrt, hätten wir nicht solch einen Hunger. Aber so bleiben wir und entscheiden uns für Flammkuchen (Marvin) und Käseomelett (ich). Nun ja, was soll ich sagen. Es schmeckte nicht schlecht, ist aber von jenem einstmals so spektakulären Essen, das unserer Freundin heute noch ein Leuchten in die Augen treibt, meilenweit entfernt. Gutes Mittelmaß würde ich sagen, ausreichend für einen Zwischenstopp, wenn man Hunger hat. Einen extra Umweg fahren würde ich dafür aber nicht.

Satt, aber nun auch noch vom Essen enttäuscht, fahren wir weiter. Um von den Vogesen noch etwas mehr mitzubekommen, biegen wir direkt am Pass nach Norden ab, auf die D61. Die jetzige Strecke hätten wir wohl unter anderen Umständen schön gefunden, führt sie doch entlang an sanften Hügelkuppen, ist angenehm kurvig und bietet immer wieder durchaus ansehnliche Ausblicke, doch heute haben wir kein Auge mehr dafür. Auch das Skigebiet, das wir kurz darauf durchqueren, entlockt uns nur ein müdes Lächeln.

Schließlich geht es noch ein Stücken sanft bergab und die Vogesen sind schon überquert. Das wars! Habe ich erwähnt, dass wir uns das anders vorgestellt hatten? 🙂

Doch der ganze spannende Rest unserer Frankreich-Reise (samt des wirklich guten Essens) liegt ja noch vor uns. Heute wollen wir noch ein paar Kilometer schaffen, um uns dann auf einem der drei Campingplätze, die wir als mögliche Übernachtungspunkte herausgesucht haben, niederzulassen.

Tag der geschlossenen Tür

Schon nach dem Col de la Schlucht sind wir nur noch wenigen anderen Menschen und Fahrzeugen begegnet. Oben, in dem Skigebiet, kam uns das aber nicht besonders seltsam vor (Skigebiete sind im Sommer sehr häufig ziemlich verlassen), doch hier unten – im Flachland – werden wir zunehmend stutzig. Alle Ansiedlungen, die wir durchqueren, wirken wie ausgestorben. Was ist hier los? Sind wir durch Zufall in ein entvölkertes Gebiet gestolpert? Arbeitslosigkeit, Chemieunfall – alles mögliche geht uns durch den Kopf.

Als wir schließlich in den ersten von uns recherchierten Campingplatz (Camping le Pre Fleury, gleich hinter Magnieres) einfahren, werden wir von den wenigen anderen Campinggästen überrascht und – wie wir uns einbilden – ein wenig ablehnend angesehen. Lächeln tut jedenfalls niemand. Unter diesen düsteren Blicken untersuchen wir die Umgebung, so etwas wie eine Rezeption können wir aber nicht finden. Direkt am Platz liegt die Haltestelle einer Draisinenbahn, völlig menschenleer (mitten im August), und die einzige Angestellte verweist uns auf ein weiteres Gebäude nebenan. Beim Näherkommen merken wir, dass es sich hier um ein Restaurant handelt, doch das ist verschlossen, die Räume hinter den Fenstern kalt, dunkel und leer. So langsam wird es uns unheimlich. Wir beschließen, doch lieber weiterzufahren, steigen unauffällig auf unsere Motorräder und düsen ab. Wer weiß, ob sich die Leute hier in der Nacht nicht sogar in Werwölfe verwandeln …

Platz No. 2 (Camping du Passe Temps) liegt bei Bayon und wir sind sehr erleichtert, dass sich hier wenigstens ein paar lebendig und freundlich wirkende Menschen tummeln. Die Campingplatzbesitzerin spricht zwar nur Französisch, ist aber nett und der Platz ebenso. Also schlagen wir unser Lager auf und machen uns auf den Weg in das nahegelegene Dorf. Es wird langsam spät und wir wollen noch etwas fürs Abendessen und das morgige Frühstück ergattern.

Doch auch hier begrüßen uns zunächst nur verschlossene Fenster und Türen. Jedes ladenähnliche Gebäude, das wir erblicken, ist verrammelt und leblos. An einer dieser Türen finden wir schließlich ein Schild: Geschlossen vom 03. bis zum 25. August. Und ganz langsam sickert eine Bemerkung meiner Mutter wieder in mein Gedächtnis. „Fahre niemals im August nach Frankreich“, hat sie mal gesagt. „Außer, du möchtest an die Küste. Denn im August machen die Franzosen selbst Urlaub – und zwar ebenfalls an der Küste …“

So ein Mist aber auch! Und wir haben natürlich keinerlei Vorräte dabei. Umso erleichterter sind wir, als wir endlich um eine Ecke marschieren und einen großen Supermarkt entdecken. Panikartig kaufen wir ein, fühlen uns wie im Schlaraffenland. Zum Abendessen gibt es schließlich Sandwiches und Erdbeerküchlein aus der Plastikschachtel, dazu Saft und etwas mittelmäßigen Rotwein. Und ich vertröste Marvin, dass wir das großartige französische Essen schon noch genießen werden. Sobald wir in zivilisiertere Gegenden kommen. Ganz bestimmt!

Routenüberblick

Datum: 21. August 2012
Schwierigkeitsgrad: einfach bis mittelschwer (Schwarzwald, teilweise)
Länge: 250 km, ca. 4,5 h
Eindrücke: wenn man mit weniger Vorurteilen an die Sache herangeht, sicherlich schön 🙂