Korsische Klippenfahrt: Atemlos von Calvi nach Porto

An unserem dritten Tag auf Korsika erleben wir auf dem Weg von Calvi nach Porto weite Täler, kurvige Berge und haarsträubende Klippenfahrten.

Heute wird ein guter Tag. Irgendwie ist uns das schon sofort nach dem Aufstehen klar. Aus der etwas trübsinnigen Laune und den Hitzeanstrengungen von gestern erhebt sich heute wieder Abenteuerlust und Urlaubsfeeling, ganz wie der Phönix aus der Asche – oder zumindest einer aus dem Bett. Die neu gefundene Motivation kann nämlich auch einfach daher rühren, dass wir ganze 12 Stunden durchgeschlafen haben und heute erst um 8 Uhr von der Isomatte gerollt sind. Gestern standen wir zu dieser Zeit schon mit einem Fuß auf dem Bike. Aber auch die Temperatur ist merklich erträglicher und das Wetter scheint uns keine Probleme zu machen.

Nach unserem ersten, typisch französischen „Petit-Déjeuner“, das es hier in Camping Paduella besonders billig gibt (5,50 € für zwei halbe Baguettes, zwei Croissants, Aufstrich und Café au Lait), packen wir alles zusammen, schwingen uns gestärkt auf die Motorräder und fahren wieder auf die Piste.

Windige Fahrt durch korsische Täler

Heute freue ich mich besonders auf die vor uns liegende Strecke, da es zum ersten Mal auf Korsika so richtig in Richtung Süden geht und wir dabei die berühmte Westküste miterleben werden, die im Laufe der Jahrmillionen durch die Wellen des Mittelmeeres zu einer schroffen Landschaft aus Klippen geformt wurde – ganz im Gegenteil zur Ostküste, an der man eher flache Strände findet. Als absoluter Berg- und Kurvenenthusiast erhoffe ich mir daher eine atemberaubende Fahrt.

Doch auch schon die erste Etappe der heutigen Strecke macht – so ganz ohne Klippen – bereits unerwartet viel Spaß. Nachdem wir ohne große Umwege aus Calvi herauskommen, biegen wir in Richtung südliches Inland ab und fahren über breite Straßen durch eine Landschaft, die mich regelrecht an den Wilden Westen erinnert: Nicht so sehr die unendlichen Wüsten voller Staub und Sand, sondern eher die etwas grasigen, weiten Täler, besiedelt von Ranches mit Holzzäunen und umringt von Bergen. Nur wirkt hier alles etwas gelblicher und wärmer – ein Merkmal von Korsika im Allgemeinen. Das ganze fährt sich sehr entspannt und wir haben Glück, dass uns die Straße fast komplett allein gehört.

Nicht viel später streifen wir den Rand eines solchen Berges und es geht allmählich bergauf. Ein nettes Highlight der Strecke erwartet uns ganz oben. Denn auf Passhöhe wurde die Straße schlicht quer durch den Fels gehauen. Der dadurch entstandene Windkanal fegt Anja beinahe von der Straße als sie mit dem Herumfummeln an der Helmkamera beschäftigt ist. Ich bekomme davon aufgrund des abbrechenden Funkkontaktes herzlich wenig mit und freue mich über die Erfrischung. Außer einem Adrenalinschub und viel Gefluche bleibt der Vorfall aber glücklicherweise ohne schlimmere Folgen.

Ab Galéria: Jetzt geht es richtig los

Nach etwa der Hälfte der heutigen Strecke kommen wir bei Galéria beinahe wieder bis auf den Meeresspiegel herunter, biegen nach links über eine Brücke ab und beginnen den zweiten Teil der Tour – und der hat es in sich. Wie man etwa auch der Übersichtskarte ganz unten entnehmen kann, geht es jetzt mit den Serpentinen erst richtig los. Die sehr kurvige Strecke führt uns an Hängen durch Täler und Hügel, die sich wie Wellen in Richtung Horizont ergießen und dabei bläulich verblassen. Hier fällt uns sofort ein weiteres Merkmal Korsikas auf: Der dichte, sattgrüne Bewuchs auf den Bergen wirkt teilweise fast wie ein kolumbianischer Regenwald. Hier mögen die Bäume zwar nicht allzu hoch sein, aber wenn ganze Gebirge fast bis zur Spitze komplett grün ummantelt sind – ein wenig wie ein nicht enden wollender Brokkoli – ist das doch ein markanter Anblick.

Eine Begegnung der dritten Art

Direkt auf der Grenze zwischen dem Départements Haute-Corse und Corse-du-Sud halten wir auf einem Aussichtspunkt an. Hier wurde wohl nicht umsonst eine politische Linie gezogen, denn auch geographisch ist sofort ein deutlicher Unterschied zu erkennen: Während die Strecke bislang durch das Inland und durch Täler verlief, sehen wir nun plötzlich das Meer in all seiner Pracht vor uns. Statt über Hügel geht es jetzt offenbar an Klippen entlang.

Der Ausblick ist atemberaubend – und ohrenbetäubend, denn gerade als wir das Panorama auf uns wirken lassen, scheppert es plötzlich von überall her: Ein lautes Geräusch ist zu hören, das bis in den Brustkorb dröhnt. Keine 50 Meter über uns hat uns gerade ein Düsenjet überflogen. Und nicht nur das: Kurz darauf schlägt er eine Fassrolle und stürzt in eines der Täler vor uns hinab. Zuerst denken wir, dass er sich dabei übernommen hat, aber er schafft es tatsächlich, die Maschine im letzten Moment noch nach oben zu reißen – dem Anschein nach noch knapper über den Baumkronen als zuvor über unseren Köpfen. All das zur großen Belustigung der vielen anderen Reisenden, die genauso wie wir einen kleinen Zwischenstopp auf dem Hang eingelegt haben.

Ganz unabsichtlich war das Kunststück wohl nicht. Nach ein wenig Recherche finden wir heraus, dass es auf der anderen Seite der Insel einen Militärflugplatz gibt und die Truppen im Sommer die Insel gerne als Spiel… ähm Trainingsplatz nutzen. Obwohl wir in Foren sogar von Touristen lesen, denen der Lärm einen Strich durch ihren ruhigen Strandurlaub gemacht hat, sollte das unsere einzige Begegnung mit einem Düsenjet auf Korsika bleiben.

Klippenfahrt nach Porto

Zurück auf dem Bike schlängeln wir uns anschließend durch dutzende Kurven am Berghang weiter in Richtung Süden – immer mit dem Meer als stetem Begleiter auf der rechten Seite. Dieser Teil der heutigen Strecke gefällt mir am besten: Als Motorradfahrer freue ich mich ja bereits, wenn ich entweder gut ausgebaute Straßen, Bergfahrten oder Meeresblick genießen kann. Aber alles zusammen hatte ich so noch nie.

Auf dem Weg nach Porto passieren wir auch ein paar Bergdörfer, die aber alle eher unspektakulär sind und uns vor allem durch ihre lustigen Bäume am Straßenrand in Erinnerung bleiben. Viel spannender wird es wenig später, als wir die letzten paar Kurven kurz vor Porto erreichen. Die befinden sich nämlich 150 Meter über dem Meer, mit einem fast vertikalen Hang. Es sagt wohl viel über kulturelle Unterschiede aus, dass der einzige Fahrbahnschutz, den die Korsen hier für nötig gehalten haben, eine 50cm hohe Steinmauer ist.

Abgesehen von der Angst um unser Leben ist die Aussicht dafür natürlich unschlagbar. Das denken sich offenbar auch viele andere Touristen, denn die Straße ist ordentlich befahren. Darunter finden sich zu unserem Erstaunen auch massive Wohnmobile, die aufgrund des Überhangs an der einen Seite und der Klippe auf der anderen kaum um die Kurven kommen. Eine wirklich rasante Fahrt sollte man hier also nicht erwarten. Die Gesundheit dankt es.

Nach einem letzten Schlenker sehen wir Porto endlich vor uns und es geht langsam bergab. Wir nähern uns rasch dem Meeresspiegel und kommen kurze Zeit später im ersehnten Ort an und quartieren uns im angepeilten Camping Les Oliviérs ein.

Das Symbol zur Infobox

Ausflug in die Calanche

Wer sich etwas mit Korsika auskennt, weiß, dass Porto direkt neben der berühmten Calanche liegt – UNESCO-Weltkulturerbe und eine der schönsten Felsformationen der ganzen Insel. Leider liegt sie nicht direkt auf unserem Weg, weshalb wir noch schnell einen außertourlichen Schlenker machen. Nach ungefähr 15 Minuten Fahrt von Porto durch einen Wald erreichen wir dann auch schon die Sehenswürdigkeit und staunen über die schroffen, roten Felsen, die sich auf bröckeligen Kämmen und Säulen gen Himmel erheben.

Ebenso staunen wir allerdings auch über die vielen Fußtouristen, die die schmale Straße verstopfen und ungeachtet der Fahrzeuge fröhlich Fotos machen, wo es ihnen passt. Nichtsdestotrotz lohnt sich der kleine Umweg, wenn man nicht ohnehin schon über diese Straße nach Süden fährt.

Kurze Zeit später kommen wir in Piana an, das offiziell als eines der schönsten Dörfer Frankreichs gekennzeichnet ist. Wir bekommen davon aber leider nicht all zu viel mit, da wir schon am Dorfeingang ein Restaurant und einen Parkplatz erspähen und uns sofort ködern lassen. Manchmal geht der Hunger eben vor. Nach einer ordentlichen Portion Spaghetti Carbonara für mich und einem Salat für Anja drehen wir wieder um, erleben die Calanche ein zweites Mal und fahren zurück nach Porto, um den restlichen Teil des Tages „zu Fuß“ zu genießen.

  • Ankunft in Piana - aber nur zum Essen und weniger für Sightseeing.

    Ankunft in Piana – aber nur zum Essen und weniger für Sightseeing.
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  • Die Kalorien haben wir uns verdient!

    Die Kalorien haben wir uns verdient!
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  • Leider konnte man von Piana von unserer Warte aus nicht viel erkennen.

    Leider konnte man von Piana von unserer Warte aus nicht viel erkennen.
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Feierabendprogramm in Porto

Camping Les Oliviérs liegt etwas versteckt im hinteren Teil der Bucht von Porto, hat dafür aber eine außergewöhnliche Lage. So liegt der Campingplatz steil am Hang und bietet seine Stell- und Zeltplätze auf dutzenden Terrassen an, die ein wenig wie chinesische Reisfelder wirken. Nachdem wir unser Zelt irgendwo auf mittlerer Höhe aufgebaut haben, genießen wir gleich einmal die frei zugängliche Poolanlage und entspannen ein paar Runden im kühlen Nass.

Ehe wir uns versehen, ist es dann aber auch schon Abend und wir machen uns auf zum Hafen von Porto. Als wir nach 25 Minuten Laufweg endlich ankommen, finden wir uns in einer gepflasterten Buchtpromenade wieder, in der wilde Wellen peitschen. Erst nachdem wir auf die andere Seite einer Häuserfront schauen, entdecken wir den eigentlichen Strand (voller Steine und ähnlich wilden Wellen) und einen kleinen Bereich, in dem man mit seinen Booten anlegen kann. Viel größer ist Porto eigentlich auch nicht – dafür hat es hier unten mächtig Charme: Die wenigen Häuser, die in der Bucht stehen, sind romantisch wie eine kleine Altstadt zusammengebaut und bieten Touristen mit zahlreichen Restaurants, Hotels und Souvenir-Shops ein erstaunliches Programm.

Leider sind wir wieder einmal zu früh dran, denn wie überall auf Korsika (und in Frankreich?) üblich, machen die Restaurants hier erst um 19.00 Uhr auf. Es scheint wohl eine deutsche Angewohnheit zu sein, dass uns der Magen aber schon ab 17.00 Uhr knurrt. Egal, dann besichtigen wir eben noch ein wenig die kleinen Gassen und genießen die Aussicht. Irgendwie bekommen wir die Zeit dann schließlich doch noch rum und setzen uns in ein gemütliches Restaurant mit Blick auf die Wellen. Heute fühlen wir uns so richtig wie eine Made im Urlaubsspeck. Mir fällt auf, dass ich anscheinend noch nie klischeehaft auf einer Insel im Mittelmeer in einer Bucht mit Meerblick gesessen bin und mir dabei ein üppiges 3-Gänge-Menü im Sonnenuntergang gegönnt habe. Was soll ich sagen? Manchmal hat Kitsch eben auch seine Vorzüge.

Routenüberblick

Datum: 29. Juni 2017
Schwierigkeitsgrad: mittelschwer, gerade die Klippen können einem Angst machen
Länge: 73 km, ca. 2 Stunden Fahrzeit
Eindrücke: Zuerst durch Täler, dann an Klippen entlang, mit fantastischen Aussichten