Mit der Fähre durch die Nacht – Amsterdam bis Newcastle

500 km über das Meer: Unsere Kreuz ... ähm ... Fährfahrt von Holland nach England bringt uns direkt an die Türschwelle Schottlands.

Heute ist der große Tag: Nach einer anstrengenden Autobahnfahrt quer durch Deutschland geht es nun mit den Motorrädern endlich in Richtung Großbritannien – und zwar quer über die Nordsee. Denn anstatt den müßigen Weg durch den Eurotunnel und ganz England nach Schottland zu nehmen, setzen wir uns lieber die Kapitänsmützen auf und lassen uns zeitsparend per Fähre von Ijmuiden bis hoch nach Newcastle schippern. Das Problem: Über den genauen Ablauf ist sich keiner von uns wirklich sicher und wir sind schon gehörig nervös.

Eben diese Nervosität wirft uns auch schon früh morgens aus dem Zelt. Obwohl wir laut Fährticket erst um 15.00 Uhr zum Check-In antreten müssen, und unser Campingplatz schier unüberwindbare 3 km vom Fährhafen entfernt ist, verlassen wir diesen schon um 10.00 Uhr. Gegen 10.15 Uhr sitzen wir dann am ungemütlichen Fährhafen und ärgern uns über unsere eigene Dummheit.

Aber gut, der frühe Vogel fängt die Fähre, und so nutzen wir die Zeit, um uns etwas mit dem Kai vertraut zu machen. Direkt vor dem Terminal durchziehen lange gelbe Parklinien die (sehr breite) Zufahrtsstraße, die aber leider nur grob markiert sind. Aus Unsicherheit stellen wir unsere Maschinen zunächst auf einem anliegenden Parkplatz ab und gehen ein wenig Sightseeing.

Ein Tag am Hafen

Wer wie wir früh am Terminal ankommt – keine Sorge! Hier gibt es wirklich alles: Egal ob Warenhäuser, LKW-Betrieb oder Fischgestank – der leidenschaftliche Hafenconnaisseur wird in Ijmuiden nichts missen. Tatsächlich finden sich inmitten der Hafenpromenade aber auch echte Kleinode, wie etwa ein sehr künstlerischer Brotbackladen oder ein Geschäft für Luxus-Grillgeräte.

Begeistert finden wir schließlich auch ein schönes Café, in dem wir uns den Bauch vollschlagen und die Zeit vertreiben – zumindest eine halbe Stunde lang. Dann gibt es im Café auch nichts mehr zu sehen und es zieht uns wieder hinaus.

Als wir anschließend zum Terminal zurückkommen, sind wir nicht mehr allein. Ganz vorne in der Warteschlange erspähen wir zwei weitere Motorradfahrer, die sich ebenfalls gegenseitig angähnen. Nach einer netten Unterhaltung stellt sich heraus, dass die beiden aus Schottland (bei Loch Ness!) kommen, gerade eine Tour nach Freiburg unternommen haben und heute ihren Rückweg per Fähre antreten. Wir nutzen die Gelegenheit natürlich, um uns mit Tipps zu Kultur, Land und Fähre einzudecken, und finden dabei unter anderem zwei weitere wichtige Details heraus:

  1. Es ist im Grunde wurscht, auf welcher Wartespur man sich einreiht, und
  2. Nessie haben die beiden in über 30 Jahren nie gesehen.

Der Rest des Nachmittags vergeht schließlich wie im Zeitraffer. Die Parkspuren füllen sich immer mehr und wir bekommen auch zunehmend Gesellschaft von Motorradfahrern, die sich ebenfalls auf ein Abenteuer in Schottland freuen.

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Ein Dach über dem Kopf

Erst als der Regen gegen 14.00 Uhr über uns hereinbricht, fällt uns auf, dass es auch ein überdachtes Fußgängerterminal in der Nähe gibt. Mit bequemen Sitzplätzen, einem Snackautomaten und einer Toilette. Man muss nur rechts vom Autoterminal um die Ecke schauen. Hätten wir das mal früher gewusst!

  • Warteterminal um die Ecke

    Warteterminal um die Ecke

  • Mit Snackautomat!

    Mit Snackautomat!

Verladung auf die Fähre

Als die Tore endlich aufgehen, geht es los. Voller Adrenalin schwingen wir uns aufs Motorrad, das Geräusch hunderter startender Motoren im Hintergrund. Wir fahren zum Tickethäuschen, bekommen ohne direkte Ticketüberprüfung unsere Zimmerkarten (Personalausweis reicht scheinbar) und werden zu einem militärisch-wirkenden Zollbeamten durchgewunken, der unsere Pässe kontrolliert.

Direkt vor uns ragt die beeindruckende Fähre auf, die mit offenem Maul hungrig auf uns wartet. England, wir kommen! Doch kurz vorher werden wir noch einmal auf eine zweite Parkspur verwiesen. Und müssen warten. Warten. Und länger warten. Leider haben wir uns wohl zu früh gefreut, denn erst nach 1,5 Stunden geht es als Motorradfahrer schließlich weiter auf die Fähre. Mittlerweile ist es nach 16 Uhr. Wären wir doch nur auf dem Campingplatz geblieben …

Dafür läuft der eigentliche Verladeprozess recht unkompliziert ab. Man fährt nach den Anweisungen des Personals zu einem Stellplatz für Motorräder neben einer Wand. Zwar wird auf der Webseite darum gebeten, extra eigene Gurte für das Anziehen des Bremshebels mitzunehmen, jedoch werden mehr als genug davon auch so zur Verfügung gestellt. Also zurren wir das Motorrad an Ankerpunkten am Boden fest, legen den ersten Gang ein und freuen uns endlich auf unsere kleine Kreuzfahrt.

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Keine Panik beim Festzurren

Wer keine Übung mit dem Sichern von Motorrädern auf Fähren hat, braucht sich hier keine Sorgen zu machen. Verwendet werden zweiteilige Zurrgurte, die verwirrender aussehen als sie sind. Auch zeitlich braucht man sich nicht zu stressen. Man kann sehr lange auf dem Parkdeck bleiben. Erst 10 Minuten vor Abfahrt wird man nach oben gebeten – in unserem Fall also ca. eine Dreiviertelstunde nach der Auffahrt auf die Fähre.

Casinos, Cafés und Cocktails

Nach einigen Treppenstufen hinauf (das Schiff ist in ca. 10 Stockwerke unterteilt), erreichen wir schließlich unser Kabinendeck und beziehen unser trautes Heim für eine Nacht. Viel ist zwar nicht geboten – ein Etagenbett, eine kleine Couch ein Tisch mit Stuhl und ein Bad auf engstem Raum – aber nach sechs Stunden des Wartens im trüben Hafenwetter gleicht das hier regelrecht einem Palast der Entspannung.

Nach einer schnellen Dusche gehen wir die Mermaid Bar (ganz oben unter freiem Himmel) besuchen und sehen dem mächtigen Schiff beim Auslaufen aus dem Hafen zu. Das dauert eine ganze Weile und die Möwen nutzen die Gelegenheit, um noch ein letztes Mal Brotkrumen von den Reisenden zu klauen.

Später werden wir selbst hungrig und gehen den Rest des Schiffs erkunden. Dabei sind wir überrascht, was hier alles geboten wird: Ein Café, eine Blues Bar, eine normale Bar, eine Bar am Oberdeck,ein Casino, eine Cocktaillounge mit Live Stage für Musiker am Abend, ein halber Supermarkt, vier verschiedene Restaurants (Italienisch, Steakhouse, Fisch, Nobel), Spielhallen und sogar ein Kino mit aktuellen Filmen. Langweilig wird es uns also nicht.

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Vorsicht vor den Preisen

Wer Schifffahrten gewöhnt ist, weiß, dass ein derart üppiges Angebot nicht von ungefähr kommt. Hier wird man sogar für ein Crossaint kräftig zur Kasse gebeten. Insgesamt sind die Essenspreise sogar noch einmal 30% teurer als in München – und wir sind einiges gewöhnt . Idealerweise nimmt man sich also ein paar Vorräte mit.

Besondere Vorsicht gilt bei den „Duty-free“ Shop-Preisen: Hier werden bspw. Parfums gut doppelt so teuer wie woanders verkauft. Das ist insofern besonders dreist, als dass der Shop-Katalog einem dabei auch noch weismachen will, der Straßenpreis wäre eigentlich noch teurer – mit einer Zahl, die völlig aus der Luft gegriffen zu sein scheint.

Da wir mit unserer Urlaubskasse aber lieber etwas haushalten wollen, besuchen wir lediglich das Café für einen langweiligen Ceasar’s Salad (für 13 Euro) und einen Hühnchenwrap, gönnen uns später am Abend in der Musiklounge noch zwei nichtalkoholische Fruchtcocktails (relativ preiswert, erstaunlicherweise, beide unter 5 Euro) und fallen schließlich in unser schaukelndes Bett.

Ankunft in Newcastle  – der große Tag

Da ist sie, die englische Küste. Als wir am nächsten Morgen aus unserem Bullauge schauen, sehen wir die Klippen und Städte bereits an uns vorbeisausen. Nach einem letzten Frühstück, für das wir gerade noch Zeit (und Geld) finden, ertönt bereits die Lautsprecherdurchsage des Kapitäns und wir machen uns für den Aufbruch bereit.

Mit gepacktem Hab und Gut geht es runter aufs Parkdeck, wo wir unsere Motorräder gottseidank genauso vorfinden, wie wir sie gestern zurückgelassen haben. Aber gut, wirklich starker Wellengang war eigentlich nie zu spüren gewesen und alles war mehr als ausreichend gesichert.

Das Ausfahren aus der Fähre läuft im Wesentlichen analog zum Auffahren ab: Man schwingt sich voller Adrenalin aufs Motorrad und wartet hoffnungsvoll, dass es endlich los geht. Das tut es trotz geschäftiger Geräuschskulisse natürlich wieder nicht. Erst eine halbe Stunde nach dem Anlegen sind wir dran und werden hinaus auf eine weitere Reihe Parklinien geleitet. Nachdem unsere Pässe erneut kontrolliert wurden (für den Fall, dass sie über Nacht abgelaufen sind?), geht es schließlich los.

Jetzt pocht das Herz fast schon hörbar. Keiner von uns ist je Linksverkehr gefahren, und nun müssen wir unsere ersten Erfahrungen mitten im Stadtverkehr von Newcastle sammeln – eine Feuerprobe. Alles zu unseren Anfängerschwierigkeiten – und wie wir trotzdem überlebt haben – lest ihr aber erst im nächsten Teil :-]