Olmeto nach Bonifacio – Stadtbesichtigung und Horror-Bootsfahrt

Heute besichtigen wir Bonifacio. Und erleben unfreiwillig, was eine raue See mit einem kleinen Boot so alles anstellen kann.

Der Abschied vom Campingplatz Ras l’Bol fällt uns unerwartet schwer. Seine unglaublich friedliche Atmosphäre hat uns von Anfang an bezaubert, genauso wie die Herzlichkeit der Menschen hier. Das petit-déjeuner – inzwischen unser Morgenritual – im Campingplatzrestaurant brilliert mit besonders leckeren und phantasievollen Marmeladen. Genauso angenehm ist die morgendliche Ruhe des nebenan gelegenen Pools (gestern war dieser doch recht stark bevölkert und entsprechend lebhaft).

Am liebsten würden wir diese schöne Umgebung noch etwas länger genießen – doch es drängt die Zeit. Wir wollen heute nämlich Bonifacio, die wohl bekannteste Stadt Korsikas, besichtigen und nicht zu spät dort ankommen.

Aus diesem Grund ist die heutige Tagesetappe auch eher kurz und führt fast komplett über die T40, eine der wenigen Schnellstraßen der Insel. Die knapp 73 Kilometer bis zum Ziel sollten wir in eineinhalb Stunden schaffen. Für korsische (und unsere) Verhältnisse ist das echt flott.

Gleich nach dem Frühstück brechen wir also auf – und in der Tat, die Strecke lässt sich sehr zügig fahren. Trotzdem geizt die Insel auch hier nicht mit landschaftlichen Reizen. Die Bucht von Propriano ist sehr malerisch und hat mit ihrem leuchtend türkisfarbenen Meer und den hellen Sandstränden fast schon karibisches Flair. Dazu passen auch sehr gut die pompösen Kreuzfahrtschiffe, die hier vor Anker liegen.

Unmittelbar bei Propriano biegen wir ein wenig ins Landesinnere ab und es geht in die Höhe. Die Straße bleibt zwar gut ausgebaut, wird aber kurviger. Wir kommen nach Sartène, der angeblich korsischten aller korsischen Städte. Weil wir für heute aber schon eine Stadtbesichtigung geplant haben, fahren wir einfach hindurch – können diese Behauptung also weder bestätigen noch widerlegen.

Recht bald hinter Sartène geht es auch schon wieder etwas bergab, die Kurven werden weniger und es gibt einige lange, sehr gerade Streckenabschnitte, auf denen man richtig Gas geben kann (wenn man Wert darauf legt). Doch auch hier ist es nicht langweilig, denn jetzt kommt erneut das Meer in Sichtweite und wir haben einige spektakuläre Aussichten auf wunderschöne Buchten oder bizzare Felsformationen. Oder beides zugleich.

Schon bald darauf erreichen wir die Ortseinfahrt von Bonifacio. Gleich dort liegt auch der Campingplatz L’Araguina, den wir uns für die heutige Übernachtung ausgesucht haben. Der Platz ist nicht allzu groß und auch nicht besonders luxuriös, aber er bietet alles, was wir brauchen. Was jedoch das Wichtigste ist (und auch der Hauptgrund für unsere Wahl): Er liegt nur wenige Geh-Minuten vom Hafen von Bonifacio entfernt. Wir können also die Stadt wunderbar zu Fuß erkunden, ohne dabei Helm oder Motorradjacke mitschleppen zu müssen.

Die Frau vom Campingplatz weist uns einen erfreulich schönen Stellplatz für unser Zelt und die Motorräder zu. Prima! Wir schlagen unser Lager auf, machen uns kurz frisch und dann geht es auch schon weiter in die Stadt. Inzwischen ist es Mittag, es ist heiß und Marvin hatte bei der Recherche über Bonifacio etwas von einer angeblich sehr guten Eisdiele gesagt. Also nichts wie hin!

Zehn Minuten später stehen wir im Hafen von Bonifacio und staunen über den kitschig-schönen Anblick. Das ist ja wirklich hübsch hier! Normalerweise zeigen die Fotos, die man im Internet oder Reiseführer sieht, ja nur die Schokoladenseite eines Ortes. Dreht man sich um, ist es oft nicht mehr ganz so schön. Doch hier sehe ich überall ausschließlich Schokoladenseiten. Beeindruckend!

Apropos Schokolade – ich frage Marvin nach dem Standort einer gewissen Eisdiele und er zeigt ans linke Hafenufer. Auf dem Weg dorthin stolpern wir über ein Werbeschild für Bootsfahrten und gehen spontan zum dazugehörigen Terminal, um eine Fahrt zu buchen. Die berühmten weißen Klippen von Bonifacio sollen von der Meeresseite aus nämlich besonders schön zu sehen sein.

Die Dame am Schalter murmelt etwas von 5 Euro Ermäßigung, weil heute das Meer etwas unruhiger sei. Verwirrt blicken wir auf die spiegelglatte Wasserfläche im Hafen, zucken mit den Schultern und kaufen unsere verbilligten Tickets. So schlimm wird das schon nicht sein.

Wir haben noch etwas über eine Stunde Zeit bis zur Abfahrt unseres Bootes und nutzen sie, um den Hafen und die dort befindlichen, zahlreichen Geschäfte zu erkunden und ein paar Mitbringsel zu erstehen. Zuallererst stellen wir jedoch fest, dass die Eisdiele tatsächlich ausgezeichnet ist. Die Becher sind reichhaltig, erfrischend und ausgesprochen lecker. Bald danach entdecken wir die „Höhle von Ali Bonbon“ – ein Süßigkeitenparadies, bei dem ich nur eindringlich davor warnen kann, es jemals mit Kindern zu betreten! Wenn Marvin nicht noch von dem riesigen Eisbecher satt wäre, hätte ich sogar ihn wohl nicht so schnell wieder dort herausgebracht 😉

Pünktlich sitzen wir schließlich in „unserem“ Boot, freuen uns auf den Ausflug über das Meer – und keine zehn Minuten später bitte ich inbrünstig darum, dass die nächste Stunde so schnell wie möglich vergehen möge. Nach dem Verlassen des langen Hafeneinschnittes, der sogenannten „Calanque“, wird uns nämlich schlagartig klar, was die Ticketverkäuferin mit „unruhiger See“ gemeint hat. Hohe Wellen lassen das Boot auf einmal winzig erscheinen, der Bug der kleinen Nussschale wird von jeder Welle hochgedrückt und klatscht dann mit voller Wucht in das darauffolgende Wellental, wobei jedes Mal ein Schwall Wasser über Bord kommt … und genau auf Marvin trifft, der neben mir mindestens genauso gequält und entgeistert guckt wie ich.

Zu allem Überfluss sitzt direkt vor uns ein vorlauter Junge, dem jeglicher Sinn für Gefahr fehlt und der nach jedem Fast-Überschlag des Bootes laut „Juchhu!“ brüllt – was den Bootskapitän nur umso mehr anstachelt, frontal in noch eine weitere, noch höhere Welle zu fahren. Am liebsten würde ich dem frechen Gör unauffällig einmal gegen den Hinterkopf dotzen, habe dafür aber leider keine Hand mehr frei. Ich muss mich schließlich am Sitz festklammern, um nicht über Bord geworfen zu werden.

Den absoluten Höhepunkt dieses Horrors erleben wir wenig später, als der Kapitän sich entschließt, trotz des hohen Wellengangs in eine der Grotten an der Steilküste einzufahren. Ich ziehe den Kopf ein und beobachte die mit jeder Welle beängstigend nahe kommende Höhlendecke. Sogar das unmögliche Kind vor mir ist jetzt still. Als schließlich einer der vielen kleinen Felszapfen, die von oben herabragen, fast das Bootsdach rammt, bekommt es wohl auch der Kapitän mit der Angst zu tun – denn ganz plötzlich legt er den Rückwärtsgang ein, gibt Vollgas und schaut zu, dass wir  möglichst schnell aus dem Felsloch herauskommen.

Gleich darauf machen wir eine kurze Verschnaufspause in einer ruhigen Lagune. Ich spiele ernsthaft mit dem Gedanken, über Bord zu springen, an Land zu schwimmen und zu Fuß nach Bonifacio zurückzukehren. Ehe ich das jedoch in die Tat umsetzen kann, geht es schon wieder weiter, zurück in die Wellen. Örgs.

Als wir eine Stunde später schließlich endlich wieder auf festem Boden stehen, ist mir schlecht und schwindelig. Das war eines der grässlichsten Erlebnisse meines Lebens! Marvin geht es sogar noch schlimmer: Er hat nicht nur ebenfalls mit den Nachwirkungen der Seekrankheit zu kämpfen, sondern ist zu allem Überfluss auch noch klitschnass. In der Sonne trocknet das Meerwasser, mit dem er so großzügig übergossen wurde, zwar recht schnell, aber das Salz bildet überall auf seiner Haut juckende Krusten. Der Arme!

Wir beschließen, dass wir keine Lust mehr haben, zu Fuß zur Altstadt hochzulaufen, und gönnen uns für jeweils 5 Euro ein Ticket für die Mini-Bahn, die hier ihre Runden dreht (das Ticket gilt auch für die Rückfahrt, ist also nicht sehr teuer). Oben angekommen besuchen wir zuerst den Friedhof von Bonifacio – und die Ruhe und fast schon meditative Stimmung, die in dieser kleinen Stadt der Toten herrscht, beruhigt unsere von den Wellen aufgewühlten Gemüter sehr schnell. Schön ist es hier!

Schon wieder deutlich entspannter entdecken wir nicht weit vom Friedhof entfernt die Treppe, die quer durch den Stein hinab zu „Le Gouvernail“ führt, einer Felsformation an den Klippen (nicht zu verwechseln mit der Treppe des Königs von Aragon, die sich etwas weiter östlich von hier befindet). 168 Stufen führen in einem Tunnel steil nach unten, dann steht man auf einem Felsbalkon mit Blick auf das Meer – und auf die unglücklichen Gesichter der Fahrgäste anderer Ausflugsboote, die hier direkt vorbeifahren.

Der Weg wieder zurück ist etwas beschwerlicher, aber oben kann man sich eine erfrischende Cola bestellen und ein wenig ausruhen – was wir dann auch tun. Angenehm kühl ist es hier im Fels!

Nach der kurzen Pause geht’s weiter in die Altstadt von Bonifacio. Auch diese ist malerisch-kitschig, aber trotzdem sehr sympathisch. Schmale, verwinkelte Gassen, überall hübsche kleine Läden, gutgelaunte Menschen und nie allzu voll. Wir schlendern gemütlich hindurch und erkunden alles ausgiebig. Doch so langsam werden wir müde, außerdem knurrt uns der Magen und wir überlegen, wo wir zum Abendessen einkehren wollen. Da wir keine große Lust haben, mit vollem Bauch noch weit zu laufen, entscheiden wir uns für den Hafen.

Nachdem wir dort an zig verschlossenen Türen (Öffnungszeit erst 19 Uhr, also in einer Stunde…) vorbeigegangen sind, finden wir endlich ein Restaurant mit durchgehendem Service, hurra! Das Essen ist reichhaltig und wohlschmeckend, der Ausblick auf den Hafen mit dem hier so trügerisch ruhigen Wasser sehr idyllisch und die Leute sehr nett. Geruhsam genießen wir so die letzten Stunden in Bonifacio, ehe wir müde und zufrieden zu unserem Zelt zurückkehren. Ein perfekter Abschluss für einen erlebnisreichen Tag!