Schottische Lowlands im Huckepack: Edinburgh bis Melrose

Nachdem eines unserer Motorräder vor unserem Zelt gestohlen wurde, müssen wir nun von Edinburgh aus wieder nach Hause finden - mit nur noch einer BMW. Improvisation pur!

Einen Socken zu verlieren ist eine Sache. Die Schlüssel zu verlegen, ja, das kann schon mal vorkommen. Aber dass ein ganzes Motorrad von einem Tag auf den anderen spurlos verschwindet – das passiert einem wohl eher selten. Und doch ist genau das der Alptraum, den wir seit gestern durchleben. Gestrandet in Edinburgh, zu zweit, mit 70kg Gepäck und nur einem Motorrad.

Glücklicherweise konnten wir seit dem Schock gestern schon viele der organisatorischen Angelegenheiten für die Rückreise abhaken. Nachdem die Fähre umgebucht wurde und wir nun wissen, dass unser Schutzbrief einen Teil der Heimreise-Kosten übernimmt, geht es heute erst einmal darum, auch das Gepäck irgendwie nach Hause zu bekommen und die verbleibende BMW für die Rückreise mit zwei Personen umzurüsten.

Die Royal Mail – Ein schicksalhafter Besuch

Hilfe bekommen wir dabei von Paul, dem Verwalter des Campingplatzes, der sich seit gestern voller Mitleid um uns kümmert und uns nach einiger Recherche den Versand per Royal Mail empfiehlt. Nachdem wir das „unnötige“ Campinpequipment aus- und umsortiert haben, fährt er uns gegen Mittag schließlich zur Poststelle. Dafür sind wir sehr dankbar, denn allein hätten wir den Weg wohl kaum gefunden.

Mit unseren drei Packsäcken und zwei Motorradkoffern jagen wir dem Postbeamten zunächst wohl einen gehörigen Schreck ein, nachdem wir ihm aber unsere Situation erklärt haben, unterstützt er uns freundlich dabei, ganze 55kg an Equipment spontan und ohne Probleme aufzugeben. Puh, das ist immerhin schon einmal eine Last von unseren Schultern!

(…Oder zumindest dachten wir das in dem Moment. Kein Scherz: Dass drei der fünf Pakete bis heute nicht angekommen sind, und von den anderen beiden ein Packsack aufgeschnitten und zur Hälfte geplündert zurückkommen wird, konnten wir hier noch nicht ahnen. So viel Pech sollte man doch eigentlich nicht haben!)

Und wohin jetzt?

Ein Motorrad, zwei Koffer, einen Packsack und uns beide – das gilt es jetzt nach Hause zu bringen. Und obwohl wir den schwereren Teil des Gepäcks bereits versandt haben, kratzen wir auch mit dem Rest noch hart an der Maximalbeladung meiner BMW F800 GS. Hinzu kommt, dass Anja als Beifahrerin überhaupt nicht wohl ist.

Nun, da müssen wir jetzt durch, also schauen wir auf die Karte und gucken nach einem Ziel für unsere letzte Übernachtung in Großbritannien – denn zur Fähre müssen wir ja erst morgen. Nach ein wenig Suchen sticht mir ein Ort ganz besonders ins Auge: Melrose. Dunkle Erinnerungen rütteln sich wach – davon hab ich schon einmal gehört! Eine tolle Ruine soll es dort geben. Außerdem liegt es genau in der Mitte zwischen Edinburgh und dem Fährhafen in Newcastle.

Somit ist die Entscheidung überraschend schnell gefällt. Wir verabschieden uns von Paul und dem mitleidig-guckenden Campingplatz-Team und schwingen uns auf in Richtung Süden. Trotz allem positiven Denkens ist uns dabei etwas mulmig. Es fühlt sich an, als ob wir mit Anja’s Motorrad bewusst einen Teil der Familie zurücklassen.

Mittagstour in den schottischen Lowlands

Und erneut dieser Linksverkehr. Den hatte ich im Trubel der letzten zwei Tage fast vergessen. Doch ich gewöhne mich glücklicherweise schnell wieder daran. Das Fahrradfahren verlernt man nie – wohl auch nicht, wenn man es erst einmal auf der linken Seite gelernt hat. Da der Campingplatz am südlichen Rand von Edinburgh liegt, sind wir auch schnell aus der Stadt und befinden uns im Handumdrehen auf der A7 Richtung Süden – eine Straße, die uns nahezu direkt bis nach Melrose führt.

Obwohl wir nie abbiegen müssen, gibt sich die A7 große Mühe, uns bei Laune zu halten: Manchmal gibt es vier Spuren, dann wieder nur eine, oft führt uns der Weg durch kleine Dörfer und sogar einem geschlängelten Flusstal folgen wir eine Weile lang. Alles in allem ein recht idyllischer Trip, wobei man keine atemberaubenden Vistas erwarten sollte, sondern eher eine leicht hügelige britische Landschaft, in der sich Fuchs und Has zum Teetrinken treffen. So kommt es uns jedenfalls vor.

Irgendwie schaffen wir es schließlich in Melrose anzukommen, ohne dass Anja vom Motorrad gefallen wäre. Das Städtchen begrüßt uns sympathisch, da es sich tatsächlich um ein eher eingeschlafenes Dörfchen mit einem geschäftlich/touristischen Kern handelt, der im Dreieck von ein paar wenigen Straßen umringt ist. Wir parken, subtil wie immer, genau in der Mitte und atmen erst einmal durch. Hier ist es schön und wir haben einander. Viel mehr braucht es für einen tollen Urlaubstag nicht – Motorradklau hin oder her!

Die Melrose Abbey – Über Mönche und das Geld

Wir finden schnell ein Zimmer in einem eher bescheidenen, aber sehr netten Hotel mit Parkplatz, in dem wir von der etwas älteren Besitzerin herzlich begrüßt werden. Die macht sich nicht viel aus unserem Altersunterschied und spricht und ohne zu fragen als Paar an. Vielleicht sehe ich mit Bart älter aus? So oder so freuen wir uns über das Wegfallen der sonst üblichen Erklärung. Leider sind wir aber etwas früh dran – Einchecken kann man erst in 3 Stunden (Gepäck dürfen wir aber schon einmal da lassen). Kein Problem, sagen wir uns, schließlich wissen wir schon genau, womit wir die Zeit füllen können.

Die Melrose Abbey befindet sich keine 300 Meter von unserem Hotel entfernt und ist eine fast 1000 Jahre alte Klosterruine, die vor allem durch ihre vielen Wasserspeier und die beeindruckende Architektur weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist. Der Eintritt kostet knapp £5, danach darf man die Ruine so lange besichtigen, wie man möchte. Man bekommt außerdem ein Audiogerät in die Hand gedrückt, das einen in quasi jeder beliebigen Sprache durch die Geschichte des Gebäudes führt.

Nun gut, wir haben ohnehin Zeit, daher freuen wir uns über die Chance zur Weiterbildung. Beim Schlendern durch die Klostergärten und Erklimmen der Ruinentürme bekommen wir so einige nette Anekdoten erzählt – unter anderem, wie das Kloster vor allem durch die asketische Lebensweise der Zisterziensermönche bei Adeligen beliebt wurde, die sich mit Geld von ihren Sünden loskaufen wollten. Denn je bescheidener die Priester, desto wirksamer mussten schließlich die Gebete sein, oder? So zumindest die damalige Annahme. Dass die Mönche durch ihre Beliebtheit letztendlich selbst reich wurden und dabei ihre Grundsätze mit den Jahrhunderten völlig aus den Augen verloren, grenzt dann wohl eher an Ironie.

Ein Abend in Melrose

Nach der lehrreichen Klosterbesichtigung schnappen wir uns noch ein paar Souvenirs – wie die Touristen, die wir sind – (unter anderem ein Schal mit Tartan-Muster), und stoßen bei der Rückkehr in die Stadt auf ein verlockendes Schild. Darauf steht, dass es schlicht keine Jahres- oder Uhrzeit gibt, in der ein leckeres Eis nicht schmeckt. Nach gründlichem Überlegen stimme ich dem zu, und so machen wir auch noch schnell mit einer Eisdiele vor den Klostermauern Bekanntschaft.

In der Stadtbesichtung danach finden wir ein Café zum Entspannen, in dem wir uns unser zweites Haggis gönnen – quasi als Bestätigung des ersten, erstaunlich positiven Eindrucks. Und es schmeckt auch hier nach Leberwurst und ziemlich gut! Ich schätze, da muss man gerade als Deutscher wirklich keine Berührungsängste haben.

Nach dem Einchecken in unser kleines, aber feines Hotelzimmer fallen wir spontan komatös ins Bett und bleiben dort gefühlt auch den ganzen Nachmittag liegen. Der Stress am Vormittag mit der Herfahrt und anschließenden Besichtigung von Melrose und dem Kloster hat wohl doch seinen Tribut gefordert. Wir sind erschöpft, aber insgesamt glücklich.

Als wir uns abends doch noch einmal aufraffen, finden wir ein nettes Pub im Seemanns-Stil, und schlagen uns mit Lasagne, Curry und leckerem Nachtisch noch einmal richtig den Bauch voll. Jaja, wir essen im Urlaub viel, ich gebe es ja zu! Wir freuen uns schon auf morgen, denn dann geht es wieder zurück zur Fähre in Newcastle. Ab da ist es quasi nur noch ein Katzensprung nach Hause – zumindest in Punkto Schwierigkeit. Festland, sicheres Deutschland wir kommen! Da hatten wir gestern früh viel Schlimmeres erwartet.

Routenüberblick

Datum: 1. August 2016
Schwierigkeitsgrad: leicht – ruhige Landschaften ohne nennenwerte Herausforderungen
Länge: 56 km, ca. 1 h
Eindrücke: Eine gemütliche Fahrt durch grüne Täler und kleine Dörfer