Heilsamer Starrsinn: Reise planen trotz Krebsdiagnose

Manche Nachrichten können das Leben ganz schön durcheinander bringen. So zum Beispiel die, dass man Krebs hat. Dies ist ein sehr persönlicher Bericht, der aber vielleicht nicht nur für direkt Betroffene interessant ist.

Eigentlich sind im April 2016 meine Gedanken bereits bei den letzten Planungen für unseren diesjährigen Motorrad-Urlaub. Nach Schottland soll es gehen – Anfang Juni – und als Selbständige muss ich für solche Unterfangen immer etwas mehr vorausplanen. Da müssen Kunden rechtzeitig von meiner Abwesenheit informiert, manche Aufgaben vorverlegt und andere Arbeiten nach hinten verschoben werden.
Als ich daher einen Knoten in meiner Brust ertaste, spiele ich kurz mit der Idee, diesen „Fund“ erst einmal zu ignorieren und – falls das Ding nach der Reise immer noch da sein sollte – erst dann die nötigen Untersuchungen durchführen zu lassen. Schließlich passt das alles jetzt überhaupt nicht in meinen sowieso schon knappen Zeitplan.

Von „total wichtig“ zu „völlig nebensächlich“

Nun, es ist erstaunlich, wie nebensächlich so ein Zeitplan plötzlich werden kann. Auf Marvins Drängen hin gehe ich nämlich doch zu meiner Frauenärztin. Die wiederum fackelt nicht lange und schickt mich gleich weiter zur Mammografie. Das Ergebnis dieser Untersuchung ist nicht eindeutig, es wird noch am selben Tag eine Biopsie durchgeführt – und nach einem bangen Wochenende (natürlich liegt ein Wochenende dazwischen!) kommt am Montagmorgen der Anruf der Radiologie-Ärztin: Krebs.

Danach geht alles Schlag auf Schlag. Bereits zwei Wochen nach der Diagnose werde ich operiert und weitere zwei Wochen später kommt endlich die erlösende Nachricht: Der Tumor konnte vollständig entfernt werden, das Gewebe drumherum und die ebenfalls entfernten Wächterlymphknoten sind frei von Krebszellen, also keine Metastasen. Zudem ist diese Krebsart sehr gut behandelbar, es bestehen ausgezeichnete Heilungschancen und auf eine Chemotherapie kann ebenfalls verzichtet werden.

Glück im Unglück also. Oder wie eine der Ärztinnen es ausdrückt: Wenn schon Krebs, dann so!

Während dieser ganzen Zeit funktioniere ich wie ferngesteuert und hangele mich – noch immer in einer Art Schockstarre – nur von einem Termin zum nächsten (und davon hat man eine Menge in so einer Situation). Ein großes Lob an dieser Stelle an die Münchner Ärzte und Kliniken. Zu keiner Zeit fühle ich mich alleine gelassen oder orientierungslos, immer ist mindestens ein Ansprechpartner da, der mich bis zur nächsten „Station“ begleitet. Vorbildlich!

Was tun mit der geplanten Reise?

Unmittelbar nach der Diagnose stellt sich aber natürlich auch die Frage, wie wir – Marvin und ich – nun mit unserem geplanten Urlaub verfahren sollen. Der erste Impuls ist, einfach alles abzusagen, doch dann komme ich ins Grübeln. Alles absagen und sich voll auf die Erkrankung konzentrieren? Dem Alltag den Rücken kehren und nur noch an den Krebs denken? Ob das so „gesund“ und der Heilung förderlich ist?

Ein Gespräch mit meiner Frauenärztin gibt den Ausschlag: Sie ist der Meinung, dass ich mich auf keinen Fall völlig von der Krankheit vereinnahmen lassen, sondern vielmehr versuchen soll, die Reise doch noch durchzuführen – als Belohnung nach überstandener Therapie und mentalem Rettungsanker sozusagen.

Also verschieben wir den Reisebeginn für ein paar Wochen und – als das nicht ausreicht, weil die ganzen Nachbehandlungen doch länger dauern als vorher gedacht (um die Chemotherapie bin ich zwar herumgekommen, nicht aber um die Strahlentherapie) – noch ein weiteres Mal. Aus Anfang Juni wird nun Ende Juli, aus einer günstigen Luxuskabine (Vorsaison) auf der Fähre wird eine teure Minikabine mit Etagenbett in der Hauptsaison – und der geplante Extra-Tag in Brügge wird ersatzlos gestrichen, weil hierfür nach hinten inzwischen einfach keine Zeit mehr ist.

Das Symbol zur Infobox

Ein riesiges Dankeschön hier auch an das Hotel Gulden Vlies in Brügge! Die Betreiber haben vollkommen unbürokratisch und sehr, sehr nett unsere Buchung zuerst verschoben und dann storniert, ohne hierfür auch nur einen Cent zu verlangen. Toll! Sollten wir doch noch einmal nach Brügge kommen, so werden wir auf alle Fälle dort ein Zimmer nehmen!

Und auch das Umbuchen bei der Fährgesellschaft DFDS ging online wunderbar problemlos, einfach per Mausklick. Zusatzgebühren fallen hier keine an, doch falls die neue Buchung billiger sein sollte, so bekommt man kein Geld von der vorherigen Buchung zurückerstattet – trotzdem fair, wie ich finde.

Augen auf und durch!

Auch wenn „mein“ Krebs so gute Heilungschancen hat, so gibt es doch den einen oder anderen dunklen Moment während der Behandlung. Zeiten, in denen körperliche Beschwerden, Angst und das permanente Bewusstwerden der eigenen Sterblichkeit einen niederdrücken. In solchen Phasen klammere ich mich an die Vorfreude auf unsere Reise. Daran, dass ich mich nicht unterkriegen lassen will, dass ich mir von so einem blöden kleinen Knoten nicht mein ganzes restliches Leben bestimmen lasse, dass ich nicht für immer schwach, hilflos und müde bin, sondern nur temporär etwas erschöpft. Und daran, dass ich zusammen mit Marvin bald das schöne Edinburgh sehen, die einsamen Highlands durchqueren und die wundervolle Insel Skye besuchen werde.

Was soll ich sagen: es hilft! Ich blicke nach vorne und fühle mich besser. Und ich bin überzeugt, hätte ich dieses Ziel nicht vor Augen, sondern meinen Alltag ganz auf den Krebs ausgerichtet, so würde ich sicherlich mehr als einmal in ein deutlich tieferes emotionales Loch fallen.

Gestern schließlich hatte ich meinen letzten Bestrahlungstermin, fortan heißt es nur noch Tabletten schlucken. Die Nebenwirkungen bisher sind moderat, die Ärzte sehr zufrieden, die Verbrennungen auf der Haut heilen bereits, die Müdigkeit lässt auch schon nach – und ich bin total hibbelig und würde am liebsten morgen schon starten ;-).

Nun, zwei Wochen muss ich mich noch gedulden, dann erst geht es los. Mitte August sind wir wieder zurück in München und werden über unsere Schottland-Tour berichten. Aber falls eine von Brustkrebs betroffene Frau diesen Bericht liest und sich mit mir austauschen möchte, nur zu, schreib mir eine Mail! Vielleicht kann ich dir ja den einen oder anderen hilfreichen Tipp geben – und Mut machen 🙂