Corte, wir kommen! Die Fahrt ins Landesinnere von Korsika

Heute geht es in das Herz von Korsika inmitten hoher Berge. Die Universitätsstadt Corte begrüßt uns trotz schroffen Aussehens überraschend freundlich.

Nach drei Tagen am Westufer der Insel führt unsere Route heute ins Landesinnere, nach Corte. Die Fotos, die wir uns von diesem geschichtsträchtigen Ort angesehen haben, zeigen steile Gassen zwischen schmucklosen Häusern, umgeben von ebenso kargen wie hohen Bergen. Müsste ich Corte nur anhand dieser Fotos beschreiben, würde ich es kühl und ein wenig abweisend nennen. Tja, wie man sich täuschen kann …

Schweine! Überall Schweine!

Ehe wir am Morgen von Porto starten können, müssen wir unser Equipment erst wieder zu unseren abseits geparkten Motorrädern schleppen. Und anschließend natürlich ein petit-déjeuner zu uns nehmen, diesmal im Campingplatzlokal direkt an der schicken Poollandschaft, mit Blick auf die grandiosen Berge dahinter. Daran könnte man sich echt gewöhnen. Wenn nur diese Kalorien (Croissants sind ein Teufelszeug!) nicht wären. Aber das heute besonders anstrengende Beladen der Motorräder hat sicherlich genug davon verbrannt 😉

Nach dem Auschecken fahren wir an die nahe gelegene Tankstelle. Bisher klappt die Spritversorgung prima – wann immer wir Benzin wollen, gibt es auch welches. Ich denke, diesbezüglich braucht man sich auf Korsika wirklich keine Sorgen zu machen. Zudem sind die von uns gefahrenen Strecken ja kilometertechnisch nicht allzu lang, d.h. wir kämen wohl auch locker mal einen oder sogar zwei Tage ohne nachtanken aus. Müssen wir aber nicht, tun wir also auch nicht. Ich habe einfach gerne einen vollen Tank, ehe ich losfahre.

Dergestalt perfekt vorbereitet geht es nun direkt nach Osten, rein in die Berge. Die recht schmale Straße schraubt sich auch gleich mächtig in die Höhe, schon nach wenigen Kilometern sind wir umgeben von rötlich leuchtenden Felsmassiven. Gigantisch schön! Und ein wenig einschüchternd, man kommt sich plötzlich ziemlich winzig vor. Verkehr gibt es nur sehr wenig. Ab und zu begegenen wir dem einen oder anderen Motorradfahrerkollegen – PKWs oder gar LKWs hingegen so gut wie nie.

Dafür kommen wir nun in den Genuss einer der bekanntesten Attraktionen Korsikas: halbwilde Schweine! Richtige Herden dieser muskulösen, dunkelbraun-gescheckten und im Vergleich zu unseren Schweinen eher kleinen Tiere tummeln sich am Rande unserer Strecke.  Und darauf: Mehr als einmal müssen wir bremsen, weil eins davon ungerührt (und fast schon provokant langsam) über die Straße marschiert. Sogar Muttersauen mit ihren niedlichen Ferkelbanden bekommen wir zu sehen. Ein tolles Erlebnis!

Allerdings auch nicht gänzlich ungefährlich. Nicht nur die Tiere selbst bilden ein unberechenbares Verkehrshindernis – auch ihre Hinterlassenschaften verschmutzen die Fahrbahn. Dank unseres Schneckentempos stört uns das nicht besonders. Schnellfahrer sollten hier aber lieber ein bisschen weniger am Gasgriff ziehen. Sich selbst und den Schweinen zuliebe.

Die Umgebung wird zunehmend karger – und kälter. Nach einer Weile fangen Marvin und ich an zu frieren und beschließen, bei der nächsten Gelegenheit anzuhalten und uns wärmer anzuziehen. Kurz danach erreichen wir einen Parkplatz, an dem sich eine Statue sowie ein kleiner Kiosk findet. Prima! Wir stellen die Mopeds ab, gönnen uns je einen Schokoriegel sowie einen Becher heißen Kakao (ja, tatsächlich – so kalt ist es inzwischen geworden) und stellen bei einem Blick auf die Karte fest, dass wir uns gerade auf der Passhöhe des höchsten Passes von Korsika, dem Col de Vergio befinden. Ach! Was für eine nette Überraschung. Irgendwie ist uns bei der Routenplanung ganz entgangen, dass wir über den auch drüberfahren. Wie schön!

Das wandelbare Gesicht der Insel

Von der Passhöhe aus hat man einen herrlichen Blick nach Osten, auf eine Art Hochebene. Ein See blitzt in der Ferne auf (es handelt sich dabei um den Stausee von Calacuccia) und die Landschaft wirkt friedlich und weitläufig. Locker verstreut sieht man überall kleine Ansiedlungen – irgendwie erstaunlich angesichts der wenigen Straßen, die hierherführen.

Die Passstraße führt in gemütlichen Serpentinen bis auf die Hochebene herunter, danach geht es eine ganze Weile lang durch diese eher sanfte Szenerie. Doch Korsika wäre nicht Korsika, wenn sich die Landschaft nicht schnell wieder wandeln würde. Und in der Tat: Schon bald engt sich der Horizont ein und schroffe Felsen ragen auf der einen Seite der Fahrbahn hervor, während es auf der anderen Seite unvermittelt steil nach unten geht. Die Felsen sind nicht ganz so hoch wie die kurz hinter Porto, dafür rücken sie uns näher auf die Pelle. Ab und zu gelingt mir ein Blick in die Tiefe und ich erkenne Wasser am Grunde der Schlucht. Ein weiterer wunderschöner Streckenabschnitt – völlig anders als heute Vormittag, aber nicht minder beeindruckend.


Die heutige Etappe ist nur 100 km lang – fühlt sich aber aufgrund der so stark wechselnden Eindrücke an wie mindestens doppelt so viel. Ich kann nur jedem raten, sich für diese Insel viel Zeit zu nehmen. Man wird so überladen mit landschaftlicher Schönheit, dass man sonst Mühe hätte, alles aufzunehmen.

Wir aber haben glücklicherweise genügend Muße, jede Kurve und jeden Ausblick ausgiebig zu genießen. Und als wir dann wenige Kilometer vor Corte schließlich wieder auf die breite Hauptstraße kommen, machen wir gleich auch noch einen außertourlichen Abstecher nach Norden. Dort gibt es nämlich einen ganz besonderen Laden: Die Biscuiterie der jungen Korsin Anne Marchetti.

Wir gönnen uns eine Auswahl der bis über die Inselgrenzen hinaus bekannten Macarons und nutzen die Gelegenheit für erste Mitbringsel-Einkäufe in Form von etwas haltbareren Leckereien. Dann geht es über die Schnellstraße zurück nach Süden und nach wenigen Minuten erreichen wir Corte.

Hier das Video der heutigen Strecke (den Schreibfehler beim Col bitte einfach ignorieren – ich wollte deswegen nicht alles erneut rendern; aber es ist irgendwie klar, dass genau DAS dann in der Vorschau angezeigt wird).

Erholung auf korsisch-französische Art

Da der Wetterbericht heute früh für den Nachmittag/Abend Regen und Kälte angesagt hat, hatten wir überlegt, uns in Corte ein Zimmer zu gönnen. Bisher ist vom angekündigten Wetterumschwung zwar noch nichts zu sehen, wir machen uns aber trotzdem auf die Suche nach einem Hotel. Es ist immer eine angenehme Abwechslung, das Zelt einmal nicht aufbauen zu müssen, Wetter hin oder her.  Die Suche gestaltet sich nicht allzu schwierig, unmittelbar neben dem Stadtzentrum finden wir ein nettes, herrlich altmodisch wirkendes Familienhotel im ersten Stock eines Altbaus. Man begrüßt uns dort dermaßen freundlich, dass wir beschließen zu bleiben, obwohl die unten angekündigten günstigen Zimmer alle bereits ausgebucht sind. Für etwas über 100 Euro bekommen wir ein wunderschönes, geräumiges Zimmer mit Frühstück, samt Schlüssel für eine Garage im Hinterhof, in der wir unsere Motorräder parken können. Die Garage steht uns alleine zur Verfügung, wir können unser gesamtes Gepäck also auf den Mopeds lassen und nur ein paar Klamotten für die Übernachtung nach oben holen. Was für ein Luxus 🙂

Das Zimmer hat zudem noch einen schönen, schmiedeeisernen Balkon. Wir nutzen die Gelegenheit, kochen uns einen Kaffee (im Zimmer stehen ein Wasserkocher sowie ein paar Tütchen mit Instant-Kaffee bzw. Tee bereit), setzen uns auf den Balkon, genießen die Aussicht und futtern uns durch die tatsächlich spektakulär schmeckenden Macarons – Wohlfühlen pur.

Corte – Eine lebendige Stadt

Nach dieser kurzen, aber schönen Erholungspause brechen wir auf zur Stadterkundung. Weit haben wir es nicht, bereits um die nächste Straßenecke beginnt Cortes Altstadt. Überall finden sich Cafés, Restaurants und andere Kneipen, die ihre Tische bis an den Straßenrand verteilt haben, dazwischen immer wieder kleine Läden.

Die Straßen sind total belebt und quirlig, aber wir entdecken nur wenige als Touristen identifizierbare Besucher. Vielmehr scheinen die Einheimischen selbst – jung und alt – das Leben auf der Straße zu genießen. Auch die sonst so typischen Souvenierläden sind hier eher selten vertreten. Corte ist offensichtlich eine lebendige, fröhliche Stadt, ohne sich allzu sehr auf den Tourismus zu fokussieren. Das überrascht uns – gefällt uns aber sehr gut.

Wir kaufen ein paar Kleinigkeiten ein, machen uns dann auf den Weg zur Zitadelle. Um das Gelände betreten zu dürfen, muss man den Eintritt in das ebenfalls dort befindliche Museum bezahlen, was mit knapp 3 Euro pro Person aber ziemlich billig ist. Das Museum selbst hat uns jetzt nicht allzu sehr beeindruckt, ist aber ganz nett, um einen kleinen Überblick über Korsikas Geschichte zu erhalten. Spektakuläre Ausstellungsstücke darf man aber nicht erwarten.

Beim Anstieg zur Zitadelle macht sich meine noch vom Morgen (und gestrigen Abend) überanstrengte Beinmuskulatur bemerkbar. Muss denn hier alles immer so steil bergauf gehen? Kurz vor dem Ziel beschließe ich daher, dass ich hoch genug gestiegen bin – und lasse Marvin die letzten Meter alleine erklimmen. Man muss ja nicht übertreiben. Und die Fotos, die er von oben mitbringt, reichen mir völlig. Auch von ein paar Metern weiter unten ist die Aussicht schon herrlich.

Nach dem Besuch der Zitadelle ist auch Marvin der Meinung, dass wir für heute genug gesehen haben. Auf dem Weg nach unten entdecken wir auch gleich ein bereits geöffnetes Lokal (durchgehender Service ist ein Segen!) und lassen uns sofort nieder. Das 3-Gänge-Menü für unter 20 Euro überrascht mit einem unerwarteten vierten Gang zwischen Hauptgang und Dessert: Korsischer Ziegenkäse mit Feigenmarmelade. Oh Gott, ist das lecker … warum sind wir eigentlich nicht schon viel eher mal nach Korsika gefahren?

Routenüberblick

Datum: 30. Juni 2017
Schwierigkeitsgrad: mittelschwer, aber nie viel Verkehr, so dass man langsam fahren kann (und auch sollte)
Länge: 98 km, ca. 3 Stunden Fahrzeit
Eindrücke: Viele! Sehr viele! Und Schweine 😉