Von Newcastle nach Edinburgh – Hilfe, Linksverkehr!

Heute müssen wir zum ersten Mal vom gewohnten Rechtsverkehr auf die linke Seite wechseln. Gleich auf den ersten Kilometern wird unsere Anpassungsfähigkeit dabei gehörig auf die Probe gestellt ...

Der Norden Englands begrüßt uns mit fabelhaftem Wetter. Die Sonne scheint, der Himmel ist klar und nahezu wolkenlos. Trotzdem haben wir kaum einen Blick dafür, denn ab heute gilt: Linksverkehr. Ich habe Angst!

Vorbereitungen

Genau diese Angst hat uns in den letzten Jahren davon abgehalten, schon eher einmal nach Großbritannien zu fahren. Doch dieses Jahr haben wir uns überwunden und trauen uns – was die Nervosität jedoch nicht schmälert. Während der Planungsphase zu unserer Tour hatte ich mir extra den „UK Truck Simulator“ besorgt und das Linksfahren ein wenig am PC geübt. Obwohl sich virtuelle Trucks so ganz anders anfühlen als reale Motorräder, etwas hat die eine Stunde in diesem Spiel doch gebracht – nämlich die Erkenntnis, dass man sich gar nicht so komisch vorkommt, wenn man auf der anderen Seite fährt. Insbesondere dann nicht, wenn alle das tun.

Genau das sagten auch sämtliche von mir befragten, linksverkehr-erfahrenen Freunde: Auf belebten Straßen sei es recht einfach, auf der richtigen Fahrbahnseite zu fahren. Man fährt einfach den anderen nach. Schwieriger hingegen wird es, wenn nur noch wenige Fahrzeuge unterwegs sind und man vielleicht noch dazu müde ist. Dann fällt man schon gerne einmal in alte Gewohnheiten zurück und benutzt die falsche Spur. Oder weicht – auf Single Track Roads – zur falschen Seite hin aus.

Zur Sicherheit habe habe ich mir daher vor der Abfahrt einen grellorangenen Pfeil aus Papier gebastelt, ihn heute in das Kartenfach meines Tankrucksacks gesteckt und nach links ausgerichtet. Damit sollte ich auch in hektischen Situationen oder bei Müdigkeit die richtige Seite finden können. Linksverkehr, wir kommen!

Wirre Kreise und irritierende Beschriftungen

Wenn man auf Google-Maps den Fährhafen von Newcastle betrachtet, so findet man nordwestlich davon viele kleine Kreise. Das sind alles Kreisverkehre!

Zuerst kommt ein kleiner, einspuriger, eher harmlos wirkender, doch sofort danach werden die Dinger riesig: Zig Spuren führen in den Kreis hinein und wieder hinaus, auf dem Boden befinden sich unzählige Beschriftungen. Sicher ein gutes System, wenn man sich auskennt. Doch für uns der reinste Horror. Genauer gesagt eigentlich nur für Marvin, denn ich brauche nur hinterherzufahren, und das bekomme ich easy hin 🙂

Doch kann ich seine Verwirrung sehr gut nachvollziehen, der Schock, gleich am Anfang damit konfrontiert zu sein, ist groß. Zumal es keine Spur gibt, auf der man einfach nur im Kreis fahren und sich orientieren kann. Die Spuren sind in Spiralform angeordnet und leiten einen unvermeidlich auf eine der Ausfahrten – zumindest wenn man nicht ständig bei starkem Verkehr die Spur wechseln möchte. Was wir ganz und gar nicht nicht möchten!

Das Symbol zur Infobox

Die Logik der Kreisverkehre

Prompt geraten wir beim dritten oder vierten Kreis der Hölle auf eine falsche Spur und fahren erst einmal eine Zeitlang in die verkehrte Richtung. Glücklicherweise bleibt es bei dem einen Verfahrer und mit der Zeit entschlüsseln wir auch den Code:

Die einzelnen Spuren funktionieren genau wie überall, je länger man im Kreisverkehr verweilen möchte, umso weiter innen (zum Kreismittelpunkt hin) reiht man sich ein. Und die Beschriftungen auf dem Boden geben an, bis zu welcher Kreisabfahrt die jeweilige Spur führt bzw. wohin man dann gelangt. Angegeben sind die Straßennummern sowie teilweise die Himmelsrichtungen.

Es ist also anzuraten, sich vorab einzuprägen, welche Nummer die angepeilte Straße hat. Die Himmelsrichtung kann man ja im Allgemeinen auch so erraten. Und wenn alles unklar zu sein scheint: Ruhe bewahren und lieber mal in die falsche Richtung fahren. Umkehren kann man immer, aber ein Unfall versaut einem evt. den ganzen Urlaub.

Erholung zwischen Wiesen und Wäldern

Einige Kilometer (und Schweißtropfen) später erreichen wir den Stadtrand von Newcastle – und ab jetzt wird es idyllisch. Die Landstraße ist nur wenig befahren, Kreisverkehre gibt es keine mehr und die Umgebung bietet angenehme Abwechslung. Wiesen, Wäldchen und kleine Hügelchen machen Spaß. Wir bekommen auch sogleich einen Eindruck vom launischen britischen Wetter, denn innerhalb einer Stunde wechselt es einige Male zwischen starkem Regen, Sonnenschein und diesig. Nun, wenn man nach einem Regenguss gleich wieder trocknen kann, so stört uns der nicht. Wie heißt es hier so schön: Wenn dir das Wetter nicht gefällt, dann warte fünf Minuten.

Kurz vor der Grenze nach Schottland tanken wir auf und entdecken einen kleinen Tearoom direkt neben der Tankstelle. Da wir eine Pause gebrauchen können, nutzen wir die günstige Gelegenheit und setzen uns hinein. Was für ein niedlicher Laden! Inmitten von zum Verkauf stehendem Trödelkram kann man Tee, selbstgebackene Scones und Rolls ordern – super!

Wir mampfen fröhlich in uns hinein, freuen uns, das hektische Newcastle hinter uns gelassen zu haben und nun bald in Schottland zu sein. Auch der Linksverkehr hat seinen größen Schrecken verloren. Nur mein blöder orangener Pfeil ist völlig sinnlos, weil er im Kartenfach ständig hin- und herrutscht und in alle möglichen Richtungen zeigt – nur nicht nach links. Ich entsorge ihn bei der nächsten Gelegenheit.

Über die letzten Hügel zum Firth of Forth

Es gibt von Newcasle nach Edinburgh – grob gesagt – drei Strecken. Eine führt direkt an der Küste entlang, eine andere weit im Landesinneren über Melrose und die letzte verläuft zwischen den beiden, via Coldstream. Letztere hat unser Navi uns vorgeschlagen, landschaftlich scheint das aber die schlechteste Wahl gewesen zu sein. Egal, heute wollen wir nur auf schnellstem Weg nach Edinburgh 🙂

Die Überquerung der Grenze bei Coldstream bekommen wir kaum mit. Als wir realisieren, dass wir nun in Schottland sind, ist es auch schon zu spät um umzukehren und ein Grenzfoto zu machen. Auch egal, weiter geht’s, durch Wiesen und Wälder, Regengüsse und Sonnenschein. Der Baumbewuchs wird spärlicher und größere Wiesen (mit den obligatorischen Schafen) bestimmen zunehmend das Bild. Wir erklimmen einen letzten, etwas höheren Hügel – und da breitet er sich vor uns aus, der Firth of Forth, samt Edinburgh an seiner Südseite. Ein toller Anblick! Diese Stadt liegt wirklich schön, keine Frage!

Mini-Odyssee in Edinburgh

Jetzt heißt es nur noch, den Stadtverkehr zu überstehen … Endspurt! In Edinburgh bewahrheiten sich die Aussagen unserer Freunde. Es ist tatsächlich nicht allzu kompliziert, auf der richtigen Spur zu bleiben und abzubiegen, der Verkehrsfluss lässt das meist gar nicht anders zu. Der letzte Rest Nervosität fällt von uns ab – was gut ist, denn kurz darauf werden unsere Nerven auf andere Art strapaziert: Als unser Navi uns nämlich zu der Adresse führt, unter der wir den Mortonhall Caravan & Campingpark vermuten, finden wir uns in einer netten, ruhigen Wohngegend wieder. Keine Spur von anderen Campern.

Wir suchen hektisch nach einer Alternativ-Adresse, finden sie, folgen ihr – und landen am nicht passierbaren Hintereingang des Platzes. Grummel … wir hätten wohl schon misstrauisch werden sollen, weil der Weg auf den letzten Metern nur noch aus Sand und Schotter besteht. Aber immerhin ist es schön hier :). Der dritte Versuch bringt uns schließlich an die richtige Pforte.

Für den optional geplanten Besuch der Rosslyn-Chapel sind wir jetzt aber zu müde. Wir sind einfach nur froh, angekommen zu sein, errichten unser Lager, faulenzen ein wenig und marschieren anschließend in den Pub direkt am Platz. Der ist überraschend gemütlich – und wir können gleich den ersten Punkt auf unserer ToDo-in-Scotland-Liste abhaken: Haggis! Schmeckt großartig, ziemlich genau wie Koch-Leberwurst, und überhaupt nicht so eklig, wie es aus der Ferne klingt. Alles sicherlich nur ein Trick, um Touristen dazu zu bringen, das auch ganz bestimmt zu probieren 😉

Routenüberblick

Datum: 30. Juli 2016
Schwierigkeitsgrad: mittel – der Linksverkehr braucht Eingewöhnungszeit
Länge: 192 km, ca. 3,5 h
Eindrücke: abwechslungsreich – sowohl landschaftlich als auch wettertechnisch