Scuol bis Comer See – Abwechslungsreich in jeder Hinsicht

Tag zwei unserer (An-)Reise bietet nicht nur höchst unterschiedliche Landschaftseindrücke, sondern auch mindestens genauso abwechslungsreiches Wetter.

In den frühen Morgenstunden werden wir von lauten Pladdergeräuschen geweckt. Na toll, wieder mal nur Extreme. Erst die abartige Hitze, nun kräftiger Regen. Hätten ein paar kühlende Wolken bei ansonsten trockenem Wetter denn nicht gereicht? Sind perfekte Verhältnisse denn zuviel verlangt?

Grummelnd bleiben wir so lange wie möglich liegen. Auch die heutige Tagesetappe ist eher kurz, sie sollte in knapp drei Stunden Fahrzeit zu schaffen sein. Wir müssen also nicht in aller Herrgottsfrüh aufstehen, sondern können gemütlich abwarten bis der Regen aufhört. Tut er aber nicht. Als es gegen 11 Uhr immer noch vor sich hinprasselt, geben wir auf und packen Zelt und Stühle klatschnass ein. Wird schon wieder trocknen – irgendwann.

Als wir endlich auf den Motorrädern sitzen und unsere wasserdichte Schutzkleidung tragen, hört der Regen auf. Grmpf. Aber gut, ich will nicht undankbar sein. Hätte auch schlimmer kommen können. Strömender Regen plus Kälte zum Beispiel…

St. Moritz und Malojapass bei strömendem Regen plus Kälte

Von Scuol bis St. Moritz sind es knapp 60 km. Die Strecke ist prima zu fahren, nach wie vor geht es ständig leicht bergauf. Wegen der vielen Wolken ist die Aussicht nicht ganz so phänomenal wie gestern, aber trotzdem schön. Auf ein paar Streckenabschnitten werden wir durch Baustellenampeln aufgehalten, ansonsten kommen wir gut voran und das Fahren macht Spaß.

Jedenfalls bis kurz vor St. Moritz der Regen wieder einsetzt – stärker als heute früh und begleitet von zunehmender Kälte. Wir zittern uns durch den weltbekannten Skiort mit seinen zig Luxushotels, bibbern an eigentlich sehr schönen Seeufern und wahrscheinlich tollen Berghängen entlang, kriegen von alledem aber wegen unserer beschlagenen Visiere nicht allzu viel mit. Endlich erreichen wir halb steifgefroren bei knapp 9 Grad Celsius den Ort Maloja. Ich jubele innerlich. Ab hier geht es wieder bergab, in hoffentlich wärmere Gefilde! Wieso nur habe ich in den letzten Tagen die Hitze verflucht? Nun sehne ich mich danach.

Der Malojapass ist insofern eher ungewöhnlich, weil er nur in die eine Richtung (nämlich die, in die wir fahren) steil nach unten führt. Von der anderen Seite her startet man direkt auf Passhöhe, unmittelbar hinter dem Dorf. Auch die Streckenführung ist extrem knuffig, so ein Kuddelmuddel an unterschiedlichen Kehren und Windungen sieht man selten. Ein echtes Erlebnis! Hier mal ein Eindruck, wie das ganze bei schönem Wetter aussieht:

Bei uns ist die Aussicht nicht ganz so klasse, aber der Pass macht trotzdem viel Freude. Und die Temperaturen nehmen von Höhenmeter zu Höhenmeter (oder Tiefenmeter zu Tiefenmeter?) zu. Unten angekommen ist es trocken, der Himmel blau und es wird wieder richtig warm. Nur wenige Kilometer weiter halten wir an einem Parkplatz, reißen uns die Tücher vom Hals und ziehen die warmen Handschuhe aus, ehe wir überhitzen. Das ist fast wie Sauna mit Eisbad – nur umgekehrt. Doch noch steckt die soeben durchgestandene Kälte in unseren Knochen und wir sind dankbar über die Sonne.

Aus dem Hochgebirge direkt zum Seeufer

Zufrieden tuckern wir weiter, durch eine immer flachere und immer italienischer wirkende Landschaft. Knapp eine Stunde später liegt der Comer See vor uns, unser heutiges Tagesziel. Hier, am Nordzipfel des Sees, findet man einen Campingplatz neben dem anderen. Den unsrigen haben wir deswegen ausgewählt, weil hier das Personal so freundlich sein soll – und in der Tat: Wir werden total nett und gut gelaunt empfangen! Einchecken ist kein Problem, der Platz kostet 25 Euro (inkl. Strom – kein Vergleich zur Schweiz), Duschen 1 Euro für 5 Minuten (Tokens bekommt man an der Bar) und Klopapier gibt es – wie in Italien üblich – nicht, kann man aber im Minimarkt des Platzes billig kaufen. Perfetto!

Während der Campinplatzmensch dann mit uns zusammen einen passenden Platz sucht, blickt er in unsere knallroten Gesichter und erzählt fröhlich, dass wir uns glücklich schätzen können, erst heute angekommen zu sein. Bis gestern wäre es wohl noch deutlich heißer gewesen – und selbst für die Einheimischen kaum zu ertragen. Puh! Wir entscheiden uns für einen möglichst schattigen Platz und laden unser regennasses Equipment ab. Ist es wirklich erst so wenige Stunden her, dass wir das eingepackt haben? Kaum zu glauben, so kontrastreich waren die Eindrücke heute. Kalt, heiß, nass, trocken, Hochgebirge und Seenlandschaft – alles dabei. Toll!

Während wir das Zelt, den Tisch und die Stühle aufbauen, sind die Sachen auch schon wieder getrocknet – die Feuchtigkeit verpufft bei dieser Hitze quasi sofort. Uns fließt der Schweiß mittlerweile wieder in Strömen den Rücken hinab – doch heute haben wir kein Problem damit. Genau deswegen haben wir uns doch einen Zeltplatz direkt am See ausgesucht, also ab in die Badeklamotten und hinein in das erfrischende Wasser! Der See hat die perfekte Badetemperatur und wir lassen uns gemütlich darin treiben. Zwischendrin gönnen wir uns immer wieder mal frischen Cappuccino an der Campingplatzbar mit Seeblick – so lässt es sich bis zum Abendessen in der Pizzeria nebenan wunderbar aushalten 😉 Und angenehmer und entspannter kann man sich eine Anreise kaum vorstellen.


Routenüberblick

Datum: 25. Juni 2017
Schwierigkeitsgrad: meist einfach, ab und zu mittelschwer
Länge: 141 km, ca. 3 h Fahrzeit
Eindrücke: landschaftlich sehr schön – insbesondere der Malojapass ist lohnenswert!