Tokyo, Tag Zwei: Im Zeichen Coronas

Auch für unseren zweiten Tokyo-Besichtigungstag haben wir uns sehr viel vorgenommen. Aber wie heißt es so schön? Wenn du die Götter zum Lachen bringen möchtest, so mache einen Plan ...

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Um den heutigen Tag beschreiben zu können, muss ich dort weitermachen, wo ich gestern aufgehört habe: Beim Omikuji des Sensoji-Tempels in Asakusa hatte Marvin ja eine etwas düstere Vorhersage erhalten – und noch am selben Abend bekommt er aus heiterem Himmel Fieber, das schnell steigt. Zudem ist ihm übel und er muss sich mehrfach übergeben. Wir denken spontan an eine Lebensmittelvergiftung, wundern uns aber ein wenig darüber, dass mir nichts fehlt, wo wir doch den ganzen Tag über dasselbe gegessen haben.

Die Übereinstimmung mit der Glücksspiel-Prognose ist natürlich nur reiner Zufall. Wir sind nicht abergläubisch, überhaupt nicht! Im Gegenteil, ich bin ein Mensch der Wissenschaft – und als solcher ziehe ich (mehr aus Routine) einen der mitgebrachten Corona-Tests aus dem Rucksack und reiche Marvin das Teststäbchen. Tja. Nur wenige Minuten später leuchten mich zwei tiefrote Striche an. Positiv, und zwar fett!

Mit Covid-19 in Tokyo

Entsetzt gucken wir uns an. Als erste Maßnahme setzen wir beide schnell wieder unsere FFP2-Masken auf und ich mache ebenfalls einen Test. Negativ – doch ich habe nur eine sehr geringe Hoffnung, dass es so bleibt. Schließlich ist seine Virenlast der Strichstärke des Testergebnisses nach sehr hoch und wir haben die letzten Tage in engstem Kontakt zueinander verbracht. So ein Mist aber auch! Wir haben extra in den drei Wochen vor unserem Flug beim Einkaufen und anderen Kontakten immer sorgsam unsere Masken getragen, um genau das hier zu vermeiden. Wo zum Teufel hat er sich angesteckt? Im Flugzeug? Nicht mal zwei Tage Inkubationszeit erscheinen uns allerdings schon ein wenig zu kurz. Als einzige andere Möglichkeit fällt uns die Physiotherapie ein, die er noch bis kurz vor dem Urlaub gehabt hatte und bei der keine Masken getragen worden sind.

Aber es ist müßig, darüber nachzudenken, jetzt können wir nur hoffen, dass wir glimpflich aus der Sache herauskommen. Ich kontaktiere den heute diensthabenden Hotelangestellten und leihe mir erst einmal ein Fieberthermometer aus. Das haben wir nämlich nicht eingepackt.

Das Fieber steigt und steigt…

Im Laufe der Nacht geht es Marvin immer schlechter, das Fieberthermometer zeigt immer höhere Werte. Als trotz der Wadenwickel, die ich bei ihm anwende, 40 Grad erreicht sind, bekomme ich Angst. Es ist vier Uhr morgens und ich weiß nicht, was ich tun soll. Also fahre ich runter in den ersten Stock, zur Automaten-Rezeption des Hotels. Dort befindet sich nämlich auch das Telefon, mit dem man eine(n) Hotelangestellten erreichen kann. Ich rechne gar nicht damit, dass sich in der Nacht jemand im Haus befindet, aber prompt öffnet sich eine kleine Nebentür und der freundliche, etwas schüchterne Mann, der mir gestern das Fieberthermometer gegeben hat, taucht auf, mit leicht verstrubbeltem Haar und zerknitterter Kleidung.

Nach wenigen Momenten des Wachwerdens ist er voll bei der Sache und ich erkläre, was los ist – in meinem durch meine Nervosität besonders gruseligem Englisch. Interessanterweise scheint er genau deswegen seine Schüchternheit zu überwinden, denn er traut sich immer mehr, ebenfalls in Englisch (das ähnlich unsicher ist wie meines) mit mir zu sprechen. Gemeinsam radebrechen wir uns durch meine Sorgen und er beschließt, bei einem Krankenhaus anzurufen. Die stellen einige Fragen und schicken schließlich prompt einen Krankenwagen mit einem Arzt und zwei Sanitätern vorbei. Kurzzeitig sind wir so zu fünft in unserem winzigen Hotelzimmer, der Hotelangestellte gesellt sich nach einer kurzen Weile auch noch dazu, beobachtet das Ganze dann aber doch lieber vom Gang aus.

Deepl-Übersetzer – dein Freund und Helfer

Die Kommunikation gestaltet sich sehr abenteuerlich. Ich tippe unsere Fragen oder Antworten in meine Deepl-App, lasse es ins Japanische übersetzen und halte das Display dann dem Arzt hin. Dieser spricht seine Antworten oder Fragen in sein eigenes Handy und das wiederum übersetzt es in eine englische Sprachausgabe. Was hätten wir nur ohne diese Hilfsmittel gemacht? So jedenfalls klappt es sehr gut und nach vielen geduldigen Minuten hat das medizinische Team sich schließlich davon überzeugt, dass Marvin kein Notfall ist und sie ihn nicht mitnehmen müssen. Sie geben uns stattdessen die Adresse eines englischsprachigen Krankenhauses ganz in der Nähe (nur 400 m entfernt), an das wir uns wenden sollen, reden uns noch ein wenig gut zu und verlassen uns schließlich wieder.

Das empfohlene Krankenhaus öffnet um 9 Uhr, aber in den Stunden bis dahin sinkt Marvins Fieber glücklicherweise wieder auf ein erträgliches Maß. Auch die Übelkeit ist abgeklungen und er ist sehr müde und erschöpft. Wir beschließen daher, auf den Besuch im Krankenhaus erst einmal zu verzichten, und schlafen stattdessen beide einige Stunden tief und fest. Am späten Vormittag ruft der Hotelangestellte bei uns an und erkundigt sich, wie es Marvin geht. Wir erzählen ihm, dass alles viel besser ist, und ich merke, dass er sich ehrlich darüber freut. Wenige Minuten später klopft er an unserer Zimmertür und bringt uns noch zwei ausgedruckte Seiten mit den wichtigsten Informationen zum Krankenhaus in der Nähe, nur zu Sicherheit. Wie hilfsbereit kann man sein? Das ist echt überwältigend!

Marvin fühlt sich tatsächlich wieder deutlich wohler, benötigt aber noch Schlaf. Ich lasse ihn ruhen, dusche und ziehe mich an und verlasse das Zimmer. Auf dem Weg nach unten begegne ich erneut dem Hotelangestellten und nutze die Gelegenheit, um ihm unsere beide TeamLab-Karten für morgen zu schenken (die wir ja jetzt nicht mehr brauchen), als zumindest kleines Dankeschön für sein wunderbares Engagement. Er freut sich sichtlich darüber. Was für ein netter Mensch! Seinen Namen haben wir nie erfahren, aber seine Liebenswürdigkeit und Hilfsbereitschaft werden wir nie vergessen.

Großeinkauf in Apotheke und Konbini

Anschließend marschiere ich los in Richtung eines nicht weit entfernten Drugstores mit angeschlossener Apotheke, den ich zuvor mithilfe von Google ausfindig gemacht habe. Dort kaufe ich weitere Corona-Tests (die hier extrem teuer sind, pro Test fast 10 Euro … hätte ich doch mehr von zuhause mitgenommen, doch mit den vier Stück, die wir noch dabei haben, werden wir nicht weit kommen), ein paar Schmerzmittel gegen das Fieber, ein Fieberthermometer (damit wir dem Hotel das ihrige zurückgeben können) sowie diverse Mittelchen gegen Halsschmerzen und Übelkeit. All diese Dinge habe während des Fußmarsches hierhin bereits in meine Übersetzungsapp eingegeben und halte mein Handy im Drogeriemarkt mit einem freundlich-entschuldigenden Lächeln einer kompetent wirkenden Frau vor die Nase. Auch hier zeigt sich die extreme Hilfsbereitschaft der Japaner: Die Drogeriemarkt-Angestellte begleitet mich geduldig und ohne jegliche Anzeichen, dass ich ihr auf die Nerven gehe, durch den halben Markt, bis ich endlich alle gewünschten Gegenstände zusammengesucht habe. So nette Leute hätte ich hier wirklich nicht erwartet, bin aber gerade in der jetzigen Situation unendlich dankbar dafür!

Auf dem Rückweg hole ich noch Proviant und vitaminreiche Säfte aus unserem Konbini, dann verbunkere ich mich wieder im Hotelzimmer. Während Marvin weiter seiner Genesung entgegenschläft, google ich, ob wir – falls nötig – den Aufenthalt in Tokyo verlängern können. Bis übermorgen haben wir noch unser Zimmer, aber danach ist leider hier im Hotel schon alles ausgebucht. Über booking.com sind jedoch in naher Umgebung ein halbes Dutzend weiterer Hotels mit ähnlichen Zimmern zu ähnlich günstigen Preisen verfügbar, es wäre also problemlos möglich, auch länger hier zu bleiben und dann an einem späteren Punkt unserer Reiseroute wieder einzusteigen. So weit, so gut.

Der große Schrecken im Nachhinein

Beim Googeln stolpere ich jedoch über eine andere Information, die mir im Nachhinein einen riesigen Schrecken einjagt: Bis vor wenigen Monaten galt in Japan nämlich bei einer Covid-Erkrankung noch strikte Isolationspflicht zuhause. Und für Touristen – mangels eigenem Zuhause vor Ort – gab es spezielle Isolationskrankenhäuser, in die man zwangsweise eingeliefert wurde und die man bis sieben Tage nach dem letzten positiven Test  nicht mehr verlassen durfte. Sieben Tage nach positiv! Damit wäre unser Urlaub im Grunde gelaufen gewesen. Erst im Mai wurde diese Regel aufgehoben und durch keine weiteren Maßnahmen ersetzt (es wird lediglich die hier übliche Rücksichtnahme erwartet, um andere nicht anzustecken). Puh! Also haben wir diesbezüglich ganz schön viel Glück gehabt. Wenn ich zu dem Zeitpunkt, als ich unsere Flüge gebucht habe, davon gewusst hätte (damals galt die Regel ja noch), hätte ich die Reise vermutlich noch für eine Weile verschoben.

Das Glück ist zurückgekehrt

Wie viel Glück wir letztendlich insgesamt hatten, wird uns erst in den nächsten Tage bewusst. Um es nicht unnötig spannend zu machen: Am Abend des heutigen Tages steigt Marvins Fieber zwar noch einmal etwas an, aber nur noch mäßig, danach geht es mit seiner Erholung steil bergauf.

Und auch das verrate ich jetzt schon: Wie durch ein Wunder habe ich mich nicht angesteckt! Meine Hausärztin in München hat mir nach der Reise verraten, dass es dieses Phänomen der sich nicht gegenseitig ansteckenden Paare wohl häufiger gibt, ohne dass man bisher so genau weiß, warum das so ist. Aber in unserem Fall bin ich darüber natürlich extrem froh.

Doch heute, an unserem zweiten Tag in Tokyo, kann ich das alles natürlich noch nicht wissen und rechne im Grunde fest damit, dass bei mir die Symptome in den nächsten Tagen auftauchen werden. So richtig entspannen kann ich mich daher diesbezüglich erst in einer Woche. Bis dahin tragen Marvin und ich sowohl in unseren Zimmern (sogar nachts beim Schlafen) als auch bei allen Kontakten in der Öffentlichkeit gewissenhaft unsere Masken und achten auf ausreichend Abstand. Schließlich wollen wir dieses eklige Virus nicht auch noch unnötig verbreiten!

 

Überblick

Datum: Dienstag, 26. September 2023
Unterkunft: Henn na Hotel Tokyo Akasaka